Wer schafft die Arbeit? Der Boss schafft die Arbeit. Manchmal setzt er sich aber auch in den alten Benziner und braust durch die USA. - © Columbia/Sony Music
Wer schafft die Arbeit? Der Boss schafft die Arbeit. Manchmal setzt er sich aber auch in den alten Benziner und braust durch die USA. - © Columbia/Sony Music

Vorsichtshalber hat Bruce Springsteen dann eh gleich dazugesagt, dass es bereits in Kürze wieder mit der E Street Band ins Studio geht. Es soll ein weiteres Album entstehen, das dann dafür sorgen darf, dass man im Rahmen der damit verbundenen Welttournee bei Marathonkonzerten nicht ausschließlich die alten Hadern und die größten Hits spielen muss. Das ist jetzt natürlich aus Sicht des Künstlers betrachtet, beziehungsweise mit einer halben Unterstellung verbunden (der Boss rockt die alten Nummern doch gerne).

Die Kernbotschaft für die Zielgruppe jedenfalls lautet: Sorget euch nicht! Alles wird gut. Für ein Wiederhören und -sehen auf vertrautem Terrain, also unter Beigabe eines Best-of-Blocks mit "Born In The U.S.A." (sowieso!), "Hungry Heart" (aber immer doch!) oder "Glory Days" (selbstverständlich!) in einem Fußballstadion in der Nähe ist schon demnächst gesorgt.

Davor hat sich der 69-jährige Held der Musikarbeit aber noch ein Herzensprojekt genehmigt. Nach seiner biografischen Nabelschau "Born To Run" von 2016 und dem dazugehörigen Album "Chapter And Verse", einer Residenz am Broadway mit dem Titel "Springsteen On Broadway" bis Herbst 2018 sowie also vor einem nächsten neuen Album mit seinen Buddies von der E Street Band wird mit "Western Stars" eine Art akustisches Zwischengericht aufgetischt.

Die Hemdsärmel hoch

Leichte Kost ist das trotz einer weitgehenden musikalischen Reduktion im Zeichen der ins Zentrum gerückten Lagerfeuergitarre zumindest insofern nicht, als sich der Boss auch hier mit 13 Songs und einer Spielzeit von rund 50 Minuten durchaus nicht schont und sein wohlbekanntes Arbeitsethos abermals mit aufgekrempelten Hemdsärmeln demonstriert. Außerdem ist zu sagen, dass die Ergebnisse zwar weitgehend auf schlankem Fuß daherkommen mögen, an den Aufnahmesessions aber trotzdem mehr als zwanzig Musiker beteiligt waren. Wer schafft die Arbeit? Der Boss schafft die Arbeit. Wahrscheinlich hat Bruce Springsteen an einen alten eigenen Song gedacht, der die soziale Tristesse, die Realitäten auf dem Arbeitsmarkt und den damit verbundenen persönlichen Blues gegenständlich verhandelt, und lieber doch wieder in Humankapital als Trägerrakete des amerikanischen Traums investiert, als sich kostenschonend ganz auf das Bruce-Springsteen-Sein selbst zu fokussieren.

Stilistisch kommt "Western Stars" als einer der Ausreißer im Gesamtwerk Springsteens daher. Wir hören eine Hommage an den kalifornischen Westküstenpop der 70er Jahre im Stile Glen Campbells.

Herzbruch am Highway

Das bedeutet neben der erwähnten Lagerfeuergitarre und ein wenig Klavier vor allem den verstärkten Einsatz pathosaffiner Streichermelodien, die als akustische Fototapete die US-Prärie unmittelbar vor dem geistigen Auge erscheinen lassen. Viel Gegend, trockene Böden. Kakteen. Hinten links Richtung Horizont ein Trailerpark und ein Wegweiser zum Highway. Und tatsächlich wird auch in den Sujets des Albumbooklets die weite amerikanische Weite ohne Angst vor dem Klischee durchmessen.

Wir hören sanft wehmütige wie zu dezenter Patina neigende Stücke einer versunkenen Zeit des Handwerks mit goldenem Boden. Passend zum Schmelz der Originalvorlage verzichtet Bruce Springsteen diesmal sogar auf den ursächlich für Stadionkonzerte gebauten amerikanischen Knödelgesang und setzt auf eine für ihn ungewohnte Form des Croonings: Der Boss übt sich in Belcanto! Und er rührt vor allem in den großen stillen Momenten, beschränkt auf akustische Zupf- und traurig den verstrahlten amerikanischen Mond anheulende Pedal-Steel-Gitarre, bei Songs wie "Chasin’ Wild Horses" oder "Somewhere North Of Nashville" wieder ans Herz.

Neben den gewohnten Bildern vom Ausbruch im Benziner gelingt das mit den Charakter- und Schicksalsstudien in Songs wie "Drive Fast (The Stuntman)" auch inhaltlich prächtig. Von Herzbruch am Highway, Tröstung per Whiskey und Männertränen im "Moonlight Motel" einmal ganz abgesehen.