Gibt aktuell den seelenlosen Roboter: Neil Hannon. - © Ben Meadows
Gibt aktuell den seelenlosen Roboter: Neil Hannon. - © Ben Meadows

Damit hätte man eher gar nicht gerechnet: Neil Hannon, Kopf und Impersonifikation der nordirischen Band The Divine Comedy, kommt mit einem Album daher, das ziemlich radikal aus dem Kontext seines bisherigen Schaffens ausschert.

Er müsste das nicht tun: Hannon hätte im Prinzip ewig und drei Tage mit seinem seit mehr als zweieinhalb Dekaden bewährten und nur einmal ("Regeneration", 2001) durch einen Flirt mit dem Rock dezent variierten melodietrunkenen Orchester-Pop weitermachen können, zumal er mit dem bisher letzten Divine-Comedy-Album, "Foreverland" von 2016, seine bisher höchste Platzierung in den britischen LP-Charts (7) erreicht hatte.

Es schwirrt und kracht

Man hätte jeder neuen Veröffentlichung Respekt gezollt, vielleicht ein wenig ermüdet geschnauft von wegen "den gibt’s auch noch", aber das Ganze als eine weitere Adaption eines zeitlosen Konzepts akzeptiert. Stattdessen fährt der ewige Dandy mit Synthesizern, Effektgeräten und allem möglichen elektronischen Teufelszeugs an, dass es nur so rauscht, donnert, bliept, zischt, schwirrt und kracht.

Da Hannon, wie aufmerksame Fans irgendwann im Laufe des letzten Vierteljahrhunderts spitzgekriegt haben müss(t)en, im tiefsten Herzen ein gestandener Modernitätsskeptiker ist, mutet die neue DC-LP, "Office Politics", permanent wie Satire auf höchstem Niveau an: Hannon weiß zwar, wie man moderne Techniken und Technologien bedient, aber er mag sie nicht.

Wenn er, was er auf dem neuen Album erstmals tut, rappt, gibt er den seelenlosen Roboter. Wenn er die elektronische Gerätschaft ordentlich von der Leine lässt, klingt das wie der Soundtrack zu einem fatal schiefgelaufenen Laborexperiment. Natürlich geht das Album, das in Vinyl eine Doppel-LP ist, nicht über die ganze Stunde Spielzeit so: Im Bläser-interpunktierten "You’ll Never Work In This Town Again" etwa, das in Kontrast zu seinem tragischen Inhalt glorios swingt, klingen - wie Grüße aus einer besseren Zeit - Echos des "National Express" vom Album "Fin de Siècle" aus 1998 durch. Und vom gewohnten Orchesterpomp gibt es auch zur Genüge, vor allem im finalen Bereich, von dem einige Songs wie die pianobasierte Suite "I’m A Stranger Here", das wehmütige "After The Lord Mayor’s Show" und das abschließende, leicht bittere "When The Working Day Is Done" durchaus zu Hannons besten Balladen zu zählen sind.

Die Macht der Maschinen und die heutige Arbeitswelt, das ist, untrennbar miteinander verknüpft, das Thema von "Office Politics". "Machines that recall the things we forgot / Machines in our offices, schools and shops / Machines that do all the things we cannot", singt Hannon in der astreinen Industrial-Adaption "Infernal Machines". Gleich anschließend präsentiert er im besagten "You’ll Never Work In This Town Again" die Quittung: "You wanted a life of ease / A world free of drudgery / Everything done by machines / Well here it is, your life of ease." Hannon nimmt uns mit auf den "Synthesizer Service Centre Super Summer Sale" und lässt ein Computerprogramm das Psychogramm eines Arbeitnehmers erstellen.

Und er stellt uns Menschen aus dem Erwerbsleben vor: Den "Queuejumper", der es als sein naturgegebenes Recht ansieht, sich überall vorzudrängen. Norma und Norman, ein verarmtes Mittelstandspaar. Den gefeuerten Arbeitnehmer, dessen Job eine App übernimmt. Den Büro-Langweiler, der es bei einer Party nun so richtig krachen lassen will. Und jenen "Opportunity’ Knox", der immer zur Stelle ist, wo es etwas abzustauben gibt und der für sein berufliches Fortkommen auch einen Mord begehen würde.

Dunkle Tage

Mitten darin brilliert ein äußerst witzig realisiertes Skript für eine Sitcom, das (historisch korrekt) auf eine Zeit in den 60er Jahren anspielt, als sich die Minimal-Music-Pioniere Philip Glass und Steve Reich in New York aus Geldnot gemeinsam als Möbelschlepper verdingten.

Es fängt an, als erläuterte Hannon auf der Straße in ein Smartphone die Grundidee, geht in einen absurd repetitiven Kanon über, der nichts weiter tut als den Titel "Philip And Steve’s Furniture Removal Company" zu rezitieren, und endet passenderweise in einem Minimal-Music-Arrangement.

Und dass "Dark Days Are Here Again" von jenem Tag handelt, an dem Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde, bedarf keiner weiteren Erklärung.