Nicklsdorf. Erhaben steht der Staub über den Pannonischen Feldern, fast wie eine Decke, die alles in sanftes Flimmern hüllt. Irgendwo in der Ferne stürzt wohlig warmes Bier rauschend einen Trichter hinab. Ab und zu erinnert herber Ammoniakgeruch an die Urinstinke, die großen Gleichmacher. Fast schon romantisch. Setzt man die nostalgische Festivalbrille aus Jugendjahren aber für einen Moment ab, folgt die Ernüchterung. Keine gute Idee - denn Nüchternheit ist hier definitiv kein Vorteil. Es ist wieder einmal Nova Rock.

Bierbäuche und Bandshirts

Der erste Festivaltag am Donnerstag startet gemütlich. Einige Eiserne haben bereits am Vortag ihre Zelte aufgeschlagen. Während manche den Einstimmungsrausch der vergangenen Nacht noch auf dem Zeltplatz oder - weil’s wurscht is‘ - mitten am Festivalgelände ausschlafen, trudeln andere vollbepackt und mit erschöpften Gesichtern ein. Es gilt, noch einen Lagerplatz zu ergattern, bei dem die Wahrscheinlichkeit möglichst gering ist, dass er in unmittelbarer Nähe eines Pinkelzauns liegt. Befestigte Toilettenanlagen sind zu späterer Stunde überbewertet - und gerne einmal verstopft. Inzwischen haben sich andere längst dem Festivalspirit hingegeben. Zu den begleitenden Klängen der ersten Bands mischen sich entblößte Bierbäuche gemächlich zwischen unterschiedlichste Bandshirts. Und ja, manch einer ist sogar als moosbedeckter Waldmensch verkleidet. Nicht nachfragen. Einfach hinnehmen. Das ist das Motto der kommenden vier Tage.

Denn der Ausnahmezustand ist hier verlässlich, quasi längst Routine. Genauso wie das altbewährte Line-up, das auch dieses Jahr kaum Überraschungen zulässt und den Genrebegriff "Rock" wieder einmal brachial bis zum Dicke-Hose-Gangsterrap von Bones MC & RAF Camora dehnt. Potenzial zum frischen Wind hätte etwa die feministische Punkband Pussy Riot. Mit ihren politischen Aktionen machten sie in Russland Furore bis zur politischen Verfolgung. Am Nova Rock in Nickelsdorf wich der Kampfgeist allerdings eher der Massentauglichkeit, obwohl die Masse am Donnerstagnachmittag natürlich noch recht überschaubar ist. Psychedelischer Gesang und harte Technobeats transportieren zwar, worum es gehen soll, und stecken an. Schließlich wirbeln sie aber doch erstaunlich wenig Staub auf.

Wem der aber dann doch zu weit in die Atemwege gekraxelt ist, der kann ihn für unbequeme vier Euro mit einem Mineralwasser hinunterspülen. Oder er harrt in der zwischen den Acts meterlangen Schlange vor der kleinen Holzhütte neben der Bühne aus, die Trinkwasser ausschenkt. Gratis, gnädigerweise. Denn das leibliche Wohl lässt man sich hier sonst durchaus etwas kosten, was das Durchprobieren durch das breite kulinarische Angebot von Käsespätzle bis Dänischen Hotdogs ein wenig erschwert. Nur gut, dass man mit der Cashless-Karte den Überblick über das Festivalbudget ohnehin längst verloren hat. Wenn schon Ausnahmezustand, dann auf allen Ebenen.