Im Prinzip hatte man die Raconteurs schon nicht mehr auf dem Radar. Denn selbst unter Berücksichtung langer und länger werdender Veröffentlichungszyklen haben die elf Jahre seit ihrer bisher letzen LP, "Consolers Of The Lonely", allemal gereicht, um jegliches Momentum um das immerhin Gold- und Grammy-dekorierte Quartett zum Stillstand zu bringen. Als ob nichts gewesen wäre, ist es jetzt aber mit Album Nummer drei, "Help Us Stranger", plötzlich da.

Obwohl die Raconteurs, die aus der Gegend um Detroit stammen, sich nach außen hin als Ensemble präsentieren, ist ihr Zugpferd eindeutig Jack White. Der heute 43-Jährige, der Anfang der Nullerjahre im Duo mit seiner Ex-Ehefrau Megan White als The White Stripes berühmt wurde und ganzen Stadien eine Hymne zum Gröhlen schenkte ("Seven Nation Army"), ist ein Mann, der sprichwörtlich auf tausend Hochzeiten tanzt.

Traditionalisten-Image

Um aus seinen vielen Kooperationen nur einige Preziosen herauszufingern, hat er etwa mit Alison Mosshart von The Kills die Formation The Dead Weather initiiert. Mit Wanda Jackson tat er sich zusammen, um Dylan zu covern. Mit den Rolling Stones performte er für Martin Scorseses Film "Shine A Light" deren Ballade "Loving Cup".

Im Duett mit Alicia Keys sang und spielte er den James-Bond-Song "Another Way To Die". Für die Country-Ikone Loretta Lynn produzierte er das Album "Van Lear Rose". 2011 spürte er mit Produzent Danger Mouse und dem Komponisten Daniele Luppi auf dem Album "Rome" Spaghetti-Western-Soundtracks nach. Und als absolute Krönung seiner Umtriebe verbündete er sich mit dem Horrorcore-Rap-Duo Instant Clown Posse, um eine Mozart-Hommage mit dem schönen Titel "Leck mich im Arsch" (sic!) aufzunehmen.

Trotz seiner offensichtlichen Vielseitigkeit und obwohl er auf seinem letzten Soloalbum "Boarding House Reach" einen teilweise durchaus spannenden Clash aus Handwerk und digitalen Produktionsmitteln kredenzte, hängt White allenthalben der Ruf eines Traditionalisten nach, seit er mit den White Stripes den guten alten Psycho-Blues wie auch den schrägen Folk von Bands wie den Violent Femmes aufgefrischt hat.

Dass er auf seinen beiden ersten Soloplatten mit Country flirtete, tat diesem Ruf keinen Abbruch. Und auch dass er ein eigenes Label, Third Man Records, betreibt, passt in das Bild des Künstlers alter Schule, der nicht mit den Geschäfts- und Geschmacksdiktaten der Majors kann.

Selbstverständlich publizieren auch die Raconteurs bei Third Man Records und nehmen im firmeneigenen Studio in Nashville auf. Bei den Raconteurs teilt sich White das Songwriting und die Lead Vocals mit Brendan Benson, der weniger vom harten Rock als eher von der Singer-Songwriter-Schule Marke 80er-Style kommt und ein wenig auch von Power-Pop à la Big Star geprägt ist.

Splitternde Soli

Der hagere 48-Jährige, ein alter Freund Whites, ist ein Zeitgenosse von etwas abstrusem Humor, der sich in Zeilen wie "I don’t know what I’m looking for but I know that I just wanna look some more" manifestiert. Auf "Help Us Stranger" hält er ein Plädoyer für die Lüge: "I like it better when you lie to me / I can’ t take all this honesty . . ."

Bei den Raconteurs driftete bisher Benson musikalisch stärker in Richtung White als umgekehrt. Auf "Help Us Stranger" ist dieses Verhältnis um eine Spur ausbalancierter. So könnte "Only Child", die Ballade vom verlorenen Sohn, der nur der Wäsche wegen nach Hause kommt, direkt von einem Soloalbum Bensons stammen. Grosso modo folgt aber der Longplayer, der an einer Stelle auch Donovan in Form eines energetischen Covers von "Hey Gyp (Dig The Slowness)" huldigt, seinen zwei Vorgängern.

Das bedeutet wieder Streicheleinheiten für die Rocksau in uns: die groben Gitarren-Riffs, Whites bluesige Licks und splitterende Soli, das knüppelharte Schlagzeug. Aber auch: Harmoniegesänge, Balladen und die eine oder andere überraschende Wendung bei Tempo, Intensität und Melodieführung - all das Zeugs halt für die avancierteren Mitmenschen. Auf dass sich die nicht genieren müssen, so etwas zu mögen.