Es beginnt mit einer Kontaktaufnahme zur Hörerschaft - und einer Einladung, die man gerne annimmt: "It’s been such a long time / Why don’t you come in?" Der US-Songwriter Bill Callahan scheint sich auf die Tatsache zu beziehen, dass seit seinem bisher letzten Album, "Dream River", auch schon wieder sechs Jahre ins Land gezogen sind, die nicht die ereignislosesten waren.

Der heute 53-Jährige ist in der Zwischenzeit, wie man das gemeinhin so nennt, doch noch sesshaft geworden. Zeit seiner Karriere hat der Mann ja in so gut wie jeder Hinsicht auf das Image des wandernden Solitärs gesetzt, und wir wollen jetzt keine Midlife-Crisis als Ursache dafür attestieren, dass außer seiner Eheschließung mit der Filmemacherin und Fotografin Hanly Banks auf seine alten Tage auch die Geburt eines gemeinsamen Sohnes zu erwähnen ist.

Geburtsschmerzen

Ungefähr so, wie es mit dem "Radl der Zeit" auch ein bekanntes Kärntnerlied beschreibt, sind neue Songs wie "Circles" aber auch als Dokument dessen zu sehen, was danach kommen sollte: Callahan begleitete seine Mutter durch eine Krebserkrankung, und auf eine Ankunft auf Erden folgte ein Abschied für immer. Die Grabrednerstimme, die dem Songwriter schon früher unterstellt wurde, darf bei Stücken wie "Released" oder "When We Let Go" also endgültig in bester Pompfüneberer-Manier dunkelgrau schillern. Callahans über die Jahre gereifter Bariton, der bereits in die Grube verweist, passt dazu sowieso gut.

Trotzdem ist "Shepherd In A Sheepskin Vest" ein zuversichtliches Album geworden, das einen unaufgeregten Grundton anschlägt. "It sure feels good to be writing again", bekennt Callahan in einem von mehreren auf den eigenen Arbeitsprozess bezogenen Textzeilen, die zumindest an einer Stelle auch die Geburtsschmerzen eines in seiner Kreativität plötzlich bedrohten männlichen Autoren-Ichs inkludieren: "Giving birth nearly killed me / Some say I died / And all that survived was my lullabies." Statt Schlafliedern sind es aber Meditationen in Gelassenheit, mit denen sich Callahan zurückmeldet. Er dürfte sich also daran gewöhnt haben, dass seine Schreibwerkstatt bald einer Art Krabbelstube zu gleichen begann: "The panic room is now a nursery."

Es ist ein reflektiertes Album geworden, an dem nicht nur die Form überrascht: Wir hören ein Doppelalbum mit zwanzig (!) Songs, mit denen sich Callahan zur Abwechslung lieber knapphält, als, wie für die Alben zuvor, wenige, dafür aber ausufernde Stücke zu schreiben. Die Erzählstärke von "Shepherd In A Sheepskin Vest" wiederum ist zumindest im Vergleich mit den Karriereursprüngen des Musikers erstaunlich. Immerhin liegen Callahans Wurzeln im teils instrumental gehaltenen und über obskure Kassettenveröffentlichungen verbreiteten strikten Lo-Fi-Sound seines von 1990 bis 2005 solistisch betriebenen Projektes Smog.

Designsessel-Replika

Album Nummer fünf unter bürgerlichem Namen zeigt weitere Ausnuancierungen seiner eigentümlichen Fähigkeiten als Songwriter: Kein Drang zum "Hit" ist zu vernehmen, kein Standout-Track zu hören, stattdessen regiert ein (tag-)traumgleiches Mäandern der Ideen das Geschehen, das sich dem stoischen, nicht aus der Reserve zu lockenden Vortrag Callahans hörbar angeglichen hat.

Das Fundament und Zentrum wird von akustischen und Pedal-Steel-Gitarren und einer zunehmend in sanften Atmosphärenjazz abgleitenden Rhythmusgruppe aus mit dem Besen gewischtem Schlagzeug und Kontrabass gestellt. Dazu hört man mit "Morning Is My Godmother" ein Loblied auf den Morgen (als nicht mehr ganz so jugendlicher Jungvater hat man da noch Zeit für sich selbst), während Betrachtungen des Ehealltags auch ins Skurrile abdriften dürften, wenn Bill Callahan in "What Comes After Certainty" etwa die kleinbürgerliche Familienidylle samt Designsessel-Replika besingt und dabei Willie Nelson und seine Gitarre in den Songtext montiert.

Als Kitt schwebt über allem ein entspannter Duktus, der "Shepherd In A Sheepskin Vest" auch als Sommeralbum durchgehen lässt: Schaukelnd in der Hängematte gehört, fällt selbst das Nachdenken über den Existenzverlauf seltsam leicht.