Es hätte schon ein bisschen ein delikates Beigeschmäckchen gehabt. Ein kleiner Bub mit entblößtem Glied hätte zu Ehren von Michael Jacksons zehntem Todestag in dessen Outfit eingekleidet werden sollen. Im letzten Moment hat der Brüsseler Stadtrat diese Kostümierung nun abgeblasen. Dass Manneken Pis als Hommage an bestimmte Persönlichkeiten verkleidet wird, ist ein in Brüssel durchaus übliches Unterhaltungsunterfangen. Es erlitt nun dasselbe Schicksal wie zum Beispiel eine Folge der Cartoonserie "Die Simpsons". Die Episode aus dem Jahr 1991, in der Michael Jackson in einem psychiatrischen Krankenhaus einen Patienten besucht, der sich für Michael Jackson hält, wurde von den Machern der Serie aus dem Konvolut entfernt - sie soll nicht mehr ausgestrahlt werden.

Be- und Entlastungszeugen

Der Grund dafür ist auch die Erklärung für den delikaten Beigeschmack: Im Frühjahr entfachte eine Dokumentation neue Spekulationen über Michael Jacksons Umgang mit minderjährigen Burschen. Zwei Männer erzählten in dem Film "Leaving Neverland", dass der Popstar sie sexuell missbraucht habe. James Safechuck (41) und Wade Robson (36) berichten in magenverstimmender Detailgenauigkeit, was sich in der Ranch Neverland abgespielt haben soll.

Vom gemeinsamen Duschen bis zum Oralsex, mit einem der beiden habe Jackson gar eine Hochzeit inszeniert. Er hält den kleinen Brillantfingerring in die Kamera. Die beiden Männer beschreiben, welche Geheimhaltungstaktiken es gegeben habe und dass ihnen nie etwas komisch vorgekommen sei. Im Gegenteil, sie seien stolz auf die Zuneigung gewesen. Immerhin habe es sich ja um einen Weltsuperstar gehandelt. Damit wollen die beiden auch den Widerspruch erklären, dass jeder von ihnen in den Missbrauchs-Prozessen gegen Michael Jackson als Entlastungszeuge aufgetreten ist.

Im Lichte der #MeToo-Bewegung hat sich das Bewusstsein für solche Anschuldigungen verändert. Sie werden einerseits ernster genommen. Andererseits bieten sie auch das Potenzial, Rufmord gewinnbringend auszuschlachten, weil sich kaum jemand für die Wahrheit, aber umso mehr für die Sensation interessieren. Genau das werfen unerschütterliche Fans des "King of Pop" Robson und Safechuck und dem Regisseur des Films vor - zumal bei einem Toten, der sich nicht mehr wehren kann. Und der nie verurteilt wurde wegen solcher Verbrechen. Die beträchtlichen Zahlungen, die im Zuge dieser Verfahren an die Kläger geflossen sind, unterschlägt man dann freilich auch gerne.