Diese Band hat die Zukunft einst miterfunden. Das bemerkt man bereits an der Anmoderation durch eine Roboterstimme und beim Konzertauftakt mit dem Stück "Numbers", das ins Reich der Bits und Bytes und der Zahlen und Daten verweist, die heute nicht nur längst um uns sind – sondern die wir als User sehr gerne freiwillig immer auch selber sind. Das dazugehörige Album heißt "Computerwelt", ist im Jahr 1981 erschienen und steht beim Konzert der bahnbrechend visionären deutschen Band Kraftwerk am Montag auf dem skandalöserweise nicht restlos ausverkauften, aber bestens gefüllten Open-Air-Areal der Wiener Arena am Anfang im Zentrum: "Nummern, Zahlen, Handel, Leute / Computerwelt / Denn Zeit ist Geld."

Mit Chef-, Ober- und Alpha-Roboter Ralf Hütter als letztem Mitglied aus dem Original-Line-up von 1970 und seinen drei passend zur Thematik nicht als Musiker, sondern als "Audio- und Video-Operateure" auftretenden Kollegen geht es dabei um die Fetischisierung von Technik und das Erzeugen von Glücksgefühlen per Knopfruck lange vor Zeiten von Tinder und YouPorn ("Computerliebe"). Es geht auf und mit diesem Stück Musikgeschichte – und mit diesem Musikstück (Medien-, Techno- und Kultur-)Geschichte – aber auch um die Jahrzehnte später tatsächlich Realität gewordenen Produktionsbedingungen von Musik ("Ich bin der Musikant / Mit dem Taschenrechner in der Hand") und den Konsum von Musik über ein Gerät aus der Hose.

Nach heute schwer vorstellbaren Anfängen im Krautrock unter Beigabe einer Querflöte gelten Kraftwerk seit ihrem Album "Autobahn" von 1974 und sieben bis ins Jahr 2003 veröffentlichten Nachfolgewerken um Meilensteine wie "Radio-Aktivität" oder "Die Mensch-Maschine" als wichtigste deutsche Popband aller Zeiten. Abgesehen vom wegweisenden Themenkosmos (Kraftwerk hatten Visionen, aber sie mussten deshalb definitiv nicht zum Arzt!) bedeutet das auch musikalisch immensen Einfluss auf spätere Genres wie nicht zuletzt Techno oder im Grunde jede Spielart von Popmusik, die überwiegend oder auch nur teilweise auf Elektronik basiert.

Weil es aber irgendwann im Laufe der zunehmend von Beschleunigung gekennzeichneten Zeit ziemlich schwierig geworden sein dürfte, dieser Zeit auch weiterhin voraus zu sein, regiert seit mindestens eineinhalb Jahrzehnten die Generalüberholung und die (bereits in den 90er Jahren) eingeläutete Digitalisierung des Werkkatalogs das Kraftwerk-Universum. Das passt nicht nur zur Ankunft des Wortes Digitalisierung in den Lebensrealitäten der Leute da draußen – es bildet Unkenrufen in Sachen "Musealisierung" zum Trotz auch die Grundlage für famose 3-D-Konzerte, mit denen sich Kraftwerk in aller Routine weniger zeitlos als vielmehr atemberaubend modern präsentieren.

Zweifingermelodien

Während es in der Arena unter Zugabe drastischer "Zuschs" und "Zoschs" auf Basis pluckernder und tuckernder Beats, pulsierender Arpeggios und hübscher Zweifingermelodien aus vier keyboardförmigen Schaltkanzeln bei übrigens gut aufgedrehter Lautstärke so richtig schön boing-boom-tschackt, kann man den zwecks 3-D-Mehrwert in würdelose, nach Taucheruniform aussehende Gummianzüge gesteckten Operateuren also etwa draußen im Orbit bei der Arbeit zusehen.

Dazu fliegen uns oohenden und woohenden Zusehern passend zum Mondlandungsgedächtnisjahr 2019 Satelliten und unbekannte Flugobjekte um die Ohren. Außerdem geht es zu Projektionen aus einst noch verkehrsberuhigteren Zeiten mit dafür schwereren Benzinschluckmonstern über die "Autobahn", vorbei an deutschen Wirtschaftswunderwiesen und mit den Radsport-Fetischisten in Kraftwerk im Rahmen der "Tour De France" über die Pyrenäen. Uff, ächz – sowie natürlich auch stöhn, weil wenn die Bergwertung überstanden ist ein Date mit dem "Model" ansteht. Kraftwerk sprechen übrigens von einem "Rendezvous" und sorgen damit für den einzigen tatsächlich altmodischen Aspekt an diesem herrlichen Abend.

Den gewohnt tollen Auszug der Band aus der Arena, bei dem jeder Operateur auch noch sein "Solo" bekommt, darf man in diesem Zusammenhang vielleicht als augenzwinkernde Geste in Richtung Steinzeit verstehen – Rockdinosaurier und ihre Gitarren und so. Allein dass "Musique Non Stop" ganz am Ende der Setlist steht, legt es ja irgendwie nahe: Doch, doch. Diese Roboter haben Humor.