Mit einer Müllhalde an Problemen: Kate Tempest. - © Dan Fontanelli
Mit einer Müllhalde an Problemen: Kate Tempest. - © Dan Fontanelli

Popmusik und Literatur zusammenzubringen, das ist eine eigenartige Sache. Denn just die weiße Populärmusik, die seit den späten 60er Jahren durchaus nicht frei von bildungsbürgerlichen Ambitionen agiert, zeigt sich da seltsam ambivalent und sogar ein wenig ängstlich. Sie hat "Texte mit literarischem Anspruch", mit Bob Dylan sogar einen Literaturnobelpreisträger hervorgebracht. Doch an echte, auch formal schlüssige Crossover-Formen hat sie sich selten herangewagt. Und die paar Male, wo sie das tat, hat sie meist nichts anderes geschafft, als alle Vorurteile von wegen prätentiös usw. zu bestätigen.

Den Vogel abgeschossen hat dabei "The Celebration Of The Lizard", ein schreckliches, von klappriger Musik untermaltes und mit absurdem Pathos rezitiertes Stück Selbstüberhöhung und -schätzung der Doors bzw. ihres Frontmanns Jim Morrison. Abgesehen von Patti Smith, die ihre Lyrik wesentlich schlüssiger und konzentrierter in ihren Prä-Punk-Sound zu integrieren wusste, fanden solche Hybride kaum Nachahmer: Überwiegend zogen und ziehen es literarisch begabte Pop-Musiker wie Nick Cave, Leonard Cohen oder Sven Regener vor, entweder das eine oder das andere zu produzieren.

Mit Rap tauchte aber Anfang der 70er ein Idiom auf, das wie geschaffen schien, Literatur und Musik auf einen stimmigen gemeinsamen Nenner zu bringen: Tatsächlich waren die Pioniere dieses Genres schwarzamerikanische Dichter wie Gil Scott-Heron und - nomen! - The Last Poets, die zu karg-perkussiver Begleitung im rhythmischen Sprechgesang expressive Lyrik und Prosa über gesellschaftspolitische Themen vortrugen. Und auch wenn Rap mit der darauf basierenden Hip-Hop-Kultur später viele Wege und teilweise auch Abwege durch die Musikindustrie gegangen ist, hat sich seine literarische Konnotation bis heute gehalten, wovon etwa viele Performances bei Poetry-Slams nachdrücklich Zeugnis ablegen. Kate Tempest kommt aus dieser Spoken-Word- und Open-Mic-Szene.

Lange bevor sie 2014 mit dem Album "Everybody Down" erstmals musikalisch Aufsehen erregte (und eine Mercury-Prize-Nominierung schaffte), war die heute 33-Jährige im heimatlichen London bereits als literarisches Jahrzehnt-Talent gehandelt worden, hatte Awards gewonnen, Gedichte, ein Theaterstück veröffentlicht. Trotzdem mutete "Everybody Down", das inhaltlich um die desillusionierte End-Zwanzigerin Becky kreist, noch an wie eine halbwegs konventionelle, auf elektronische Grooves gebaute Rap-Platte mit gelegentlichen Schlenkern zum Melodie-Pop.

Es wird unkomfortabel

Tempests zweites, von einem gleichnamigen Gedichtband begleitetes Album, "Let Them Eat Chaos", das sieben Menschen folgt, die in derselben Straße leben und nicht schlafen können, ist musikalisch etwas vielseitiger und organischer arrangiert, dabei aber ganz um den Erzählflow der Autorin fokussiert, die manchmal bewusst mit dem Rhythmus bricht.

Auf Tempests neuem Album, "The Book Of Traps And Lessons", gibt es kaum mehr Rhythmus. Genauso wenig wie der Vortragsstil noch mit Rap im herkömmlichen Sinn zu tun hat. Verantwortlich ist dafür just ein Produzent, der wesentlich zum Durchbruch von Rap und Hip-Hop beigetragen hat: Rick Rubin hatte Tempest 2014 mit einer Spoken-Word-Performance im Fernsehen gesehen und war alsgleich grimmig entschlossen, mit der Künstlerin zu arbeiten. Da jedoch erste Sessions nicht zufriedenstellend verliefen und Tempest inzwischen alles andere als untätig gewesen war - neben Platte und Buch "Let Them Eat Chaos" fertigte sie zwei Theaterstücke und einen Roman -, zogen fünf Jahre ins Land, bis die Kooperation greif- oder hörbare Resultate abwarf. Das bedeutete in Rubins Sinn: Regler runter, alles Stimme.

Wäre "The Book Of Traps And Lessons" ein Instrumentalalbum, könnte es gut und gern als Ambient Music durchgehen. Hin und wieder impressionistelt ein Klavier verloren vor sich hin, geisterhafte Sphärenklänge schwirren durch die Szenerie, während sporadische Dissonanzen der Gefahr vorbeugen, dass sich da etwa melancholische Gemütlichkeit breitmachen könnte. Wenn in "All Humans Too Late" Tempest ohne jedwede Begleitung vorträgt, wird es sogar besonders unkomfortabel.

Dabei täte es die Müllhalde an Problemen, die hier aufgeschüttet wird, eh schon zur Genüge: die kranke Verfassung des UK, globale Ungerechtigkeit, Gewalt, Einsamkeit. "The Book Of Traps And Lessons" lässt Ermüdung spüren. Aber auch einen Willen, an das Gute im Menschen und, ja, doch, an die Liebe zu glauben.