Spätestens bei Song Nummer drei herrscht kollektives Kopfnicken in der Halle. Die US-Band Low singt den Satz "Our house is on fire", und tatsächlich fühlt sich das Wiener WUK zu diesem Zeitpunkt bereits wie eine finnische Sauna an, in der jemand trotzdem nicht genug hat und unter Zugabe von Spiritus, Sanctus und Brennholz noch zusätzlich zu zündeln beginnt. 1,5 Euro pro Konzertkarte gehen übrigens als Spende an den finanziell angeschlagenen Veranstaltungsort, der über den Sommer saniert werden soll. Wir legen gerne noch etwas drauf, wenn dabei endlich auch an ein funktionierendes Abluft- oder Klimatisierungsmodell gedacht wird. Es dampft, ächzt und erinnert olfaktorisch zunehmend an die Umkleidekabine einer Muckibude, in der allen Anwesenden das Deo ausgegangen ist.

Die Band um das Mormonen-Ehepaar Alan Sparhawk und Mimi Parker sowie ihren Bassisten Steve Garrington rückt dagegen vermutlich auch aus Glaubensgründen über den Konsum reinsten Wiener Quellwassers vor. Sie wird immerhin auch noch von drei jalousieförmigen Beleuchtungsmodulen angestrahlt, die wie die Songs der Band selbst etwas Minimalistisches, dabei aber Wirkungsmächtiges haben. Das 1993 im Bob-Dylan-Geburtsort Duluth im US-Bundesstaat Minnesota gegründete Trio stammt aus dem Umfeld der Slowcore-Bewegung, in der es außer um die Drosselung des Tempos und der Lautstärke immer auch um den Verzicht auf sämtliches unnötiges Beiwerk ging. Kann das weg? Aber sicher. Aussparung, der Mut zur Lücke und Reduktion bestimmen den Sound.

Die Setlist des Low-Konzerts im Wiener WUK. - © Hackenberg
Die Setlist des Low-Konzerts im Wiener WUK. - © Hackenberg

Gleich eingangs bei "Always Up" klingen Low vielleicht deshalb selbst vorn vor dem Boxenturm so, als würden sie zu Hause bei uns im Wohnzimmer spielen. Das wird sich heute zwar noch drastisch ändern, es geht in diesem einen, entsprechend andächtig und spirituell abgefedert mit dem prototypischen Harmonie- und hier auch Anbetungsgesang von Sparhawk und Parker vorgetragenen Song und nicht zuletzt auch bei "Holy Ghost" aber auch um eine Art persönliches Glaubensbekenntnis. Das ist würdig und recht. Außerdem schaut später sowieso noch der Teufel vorbei, der sich als "Evil Spirit", verbotene Substanz oder umgehender Geist aus der finsteren amerikanischen Nacht getarnt hat.

Trotz der bereits seit über einem Jahr laufenden Ochsentour bei eingedenk der langen Karriere mehr als humanen Eintrittspreisen zeigen Low im WUK keine Ermüdungserscheinungen – und spielen sich für die Dauer eines Fußballspiels ohne Verlängerung durch ihren Katalog, in dem das aktuelle Album "Double Negative" als Konzert-Ankerpunkt die bisher größte Zäsur darstellt.

Gelebte Eheroutine

Gemeinsam mit dem Produzenten B. J Burton wurde die gewohnte Low-Ästhetik darauf gerne in einem Gewitter aus Störsounds versteckt. Das allzu Kabelbrand- und Wackelkontakthafte wird live bei Stücken wie "Quorum" zwar wieder abgedämpft, dafür pochen, pumpen und dräuen ins Zwischenreich drängende Stücke wie "Dancing And Blood" und das ohnehin Gänsehaut evozierend zwischen Leben und Tod geisternde "Fly" so originalgetreu wie erhaben durch den Hallraum. Songs wie "Plastic Cup" wiederum demonstrieren, wie zwei Alben davor unter Regie des Wilco-Vorstands Jeff Tweedy an den Reglern noch ein hausgemacht-hemdsärmeliger, folkig angehauchter Grundton die Songs dominierte.

Die heute – bis auf diesen Gesang, der auch Ungläubige bekehren könnte – völlig verstummte Mimi Parker sitzt dabei weitgehend regungslos vor der Minimalvariante eines Drumsets und reicht ihrem Mann schon einmal in gelebter Eheroutine ein Handtuch. Da, nimm! Er hat gerade auf und vor der Bühne beim Gitarrewürgen ja auch für einen Schweißtsunami gesorgt: Mit dem hinter einem harmlosen Dreivierteltakt und dem gewissen Sperrstunden-Feeling verschanzten "Do You Know How To Waltz?" von 1996 sind endgültig alle Schattierungen einer Band vorexerziert, die sich hier in einen hemmungslos hämmernden und erbarmungslos bohrenden nachtschwarzen Noise-Teil stürzt, dass es eine Art hat. Wo bei dieser Band sonst immer alles Kontrolle ist, regiert an dieser Stelle der Freistil, das Freispiel und eine allumfassende Katharsis.

Davor wurde das Publikum fürsorglich zum Wassertrinken animiert, und sogar einen Songwunsch hat das Trio pflichtschuldig erfüllt. Haben wir schon erwähnt, dass man Low einfach lieben muss?