Mixtape-Malaisen

Auch so eine verlorene Kulturtechnik, das Kassetten-Umdrehen. So wie das Kassetten-Bespielen. Spotify-Sozialisierten mutet es heute reichlich bizarr an, wenn Menschen erzählen, wie sie zum Radiorecorder gesprintet sind - Lieblingsliedersammelkassette an der richtigen Stelle bereits eingelegt -, wenn ein begehrter Song angespielt wurde, um die rote Taste zu drücken. Und um dann in schierer Verzweiflung zusammenzubrechen, weil ein Ö3-Schnatter-Terrorist, wahrscheinlich Robert Kratky, vor dem Ende des Liedes mit Geisterfahrermeldungen und sonstigem irrelevantem Geplapper die hochsensible Aufnahme zerschmetterte. Nicht wenige Mixtapes beinhalten diese ungeschmeidigen Übergänge: Song - Radiomoderatorgeschwätz - verbaler Gewaltausbruch - nächster Song. Nichts davon vollständig, versteht sich.

Es ist leicht, den Walkman als erstes Symptom der Vereinzelung der Gesellschaft zu diagnostizieren, als Vorboten der Smombies, die, Augen ans Smartphone geheftet, ihrer Umwelt entweichen. Und es stimmt natürlich, dass die Kopfhörer-drauf-Mentalität vor allem der Abkapselung grantiger Pubertierender gewaltigen Vorschub geleistet hat. Das muss aber bekanntlich nicht immer ein Nachteil sein. Und dass manche heute aus diesem Entwicklungsstadium nicht herauskommen, dafür kann der Walkman eigentlich nichts.

Intime Abkapselung

Im Gegenteil, der ermöglichte mit seinen zwei Kopfhörerbuchsen damals noch intime Musikerlebnisse, die man teilen konnte - aber gezielt. Das half der Romantik, führte aber auch zu absurden Situationen bei Klassenfahrten, in denen zwei via Kopfhörer Zusammengekettete ausgerechnet "All by myself" als A-Cappella-Karaoke grölen.

Nicht zuletzt das zeigt, was den Walkman unterscheidet von den mobilen Geräten, die in großer Zahl nach ihm kommen sollten: Er hatte zwar vielleicht nur eine Funktion, aber die diente immer nur der Zerstreuung. Auf Fotos, die Menschen in den 80ern, 90ern mit ihrem Walkman zeigen, sind die Gesichter meist entspannt, mitunter sogar fröhlich. Selbst wenn sie Sport betreiben, etwa mit dem Walkman in der Hand joggen, was nun wirklich kein Vergnügen war, weil so vorsichtig hat man gar nicht rennen können, dass die Kassette nicht geeiert hat.

Ohne Unbeschwertheit

Der Vergleich zu Bildern der Jetztzeit, etwa aus U-Bahnen, in denen alle Menschen kollektiv gebannt in ihre Handys starren, ist verblüffend: Es sind nun angespannte Gesichter, die Unbeschwertheit ist verloren - die Mobilität ist zur Last geworden. Die erstaunte Erleichterung darüber, dass technische Innovation einem etwas Gutes tut, ist Selbstverständlichkeit gewichen. Unter anderem darüber, dass es nun auch einen winzig kleinen Knopf gibt, der einem sagt, ob es zu viel UV-Licht heute im Bad war. Frage nicht, wenn man den aber verliert oder er einen Softwarefehler hat. Das war das Gute am Walkman: Dem konnte auch die ganze Verschlussklappe abbrechen, einmal Zopfgummi herum und er spielte noch fast bis zur Erfindung der MP3.