"True Love"-Albumcover.
"True Love"-Albumcover.

Soul-Pop, der sich mit temperiertem Rock und den New Romantics der 1980er Jahre verbündet, ist in deutscher Sprache sehr selten. Die Kerzen, deren Herkunft aus Mecklenburg-Vorpommern die Kollegen jenseits von Freilassing zu manch komischen Kommentaren "inspiriert", schaffen das indes mit verblüffender Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit und kreieren damit die denkbar stimmigste Form für ihre Inhalte: Ohne Puffer durch Ironie gehen sie an die großen Gefühle heran, die einen Dauer-Clinch mit den Kleinlichkeiten des provinziellen Alltags austragen.

Mit "True Love" trägt das Debüt-Album der Band ja auch einen großen Titel. Die Kerzen sind keine Hochstapler, die ihre Wurzeln leugnen wollen. Im Gegenteil, sie lassen in melancholischen Songs die Kultur- und Ereignislosigkeit ihrer am Arsch der Welt verbrachten Adoleszenz Revue passieren.

Hier, wo man Hunde bellen hört, Cola-Whiskey im Tetrapack trinkt und sich sorgt, die Eltern aufzuwecken, weil die arbeiten müssen, sucht man "den Ort, wo Schwäne weinen", träumt von Sex und einer Existenz als VIP ("Al Pacino"). Mit der Straßenbahn, zwei Schachteln Zigaretten als Mitbringsel und dem Versprechen "Ich hol dich hier raus, wir sind unzerteilbar" geht es zur Geliebten. Selbst als man den Absprung geschafft hat und in die Metropole Berlin übersiedelt ist, wo auch im realen Leben heute drei der vier Kerzen leben, überlagert diese Herkunft das soziale Verhalten der Protagonisten.

In "Saigon", das von einem munter angefunkten Rockriff eingeleitet wird, sieht der Erzähler im legendären Techno-Club Berghain eine Frau ganz alleine, erfährt von ihrer Begeisterung für Asien und fantasiert, sie in Saigon wiederzusehen. Oder in Japan oder in Indonesien, so genau muss man das nicht nehmen. Im abschließenden und schönsten Song des Albums, "Solarium", einem gehobenen Schlager im New-Wave-Design, schildert ein Berlin-Novize die bittere Erfahrung, dass sich Großstadt-Tristesse meist auch nicht nennenswert großartiger anfühlt als Kleinstadt-Paralyse.

Sehr bemerkenswert das alles - und kein bisschen peinlich.