Sehnsucht und Schwulst: Night Moves aus Minneapolis. - © Elise Tyler
Sehnsucht und Schwulst: Night Moves aus Minneapolis. - © Elise Tyler

Ist es Ihnen auch aufgefallen? Es gibt nicht mehr viel gute Sommermusik im Pop. Die meiste Musik, die uns auf dieser Seite interessiert, ist eindeutig herbstlich oder winterlich, und was sie sich in ihrer Annäherung an die wärmere Jahreszeit mit den helleren, längeren Tagen noch am ehesten gestattet, sind sporadische Frühlingsgefühle.

Sommer-Euphorie, wie sie Songs wie "Under The Boardwalk" von den Drifters, der "Sunny Afternoon" der Kinks, als Negativ-Folien durchaus auch Eddie Cochrans "Summertime Blues" oder "The Pop Singer’s Fear Of The Pollen Count" von The Divine Comedy, "Summer In The City" von The Lovin’ Spoonful und natürlich die Hits der frühen Beach Boys einst vermittelten, ist selten geworden.

White-Soul-Stimme

Beach-Boys-Kopf Brian Wilson ist ein Name, der oft als Referenz genannt wird, wenn es daran geht, die im Kern zweiköpfige und im erweiterten Format vierköpfige Formation Night Moves aus Minneapolis substanziell zu verorten. Andere Musiker, denen Einfluss und Vorbild-Meriten zugeschrieben werden, sind Todd Rundgren und Fleetwood Mac, insbesondere Lindsey Buckingham und Stevie Nicks. Man könnte noch ergänzen, dass in einigen Gitarrenpassagen der "Guitar Man" der Soft-Pop-Gruppe Bread aus dem Jenseits winkt und in vielfarbigen, entspannt fließenden Keyboards sogar die leider für ihre Exzellenz nie mit Erfolg bedankten High Llamas durchklingen.

Night Moves, deren Nukleus Sänger, Songschreiber und Gitarrist John Pelant und Multi-Instrumentalist Micky Alfano sind, sind nicht wie die sprichwörtliche Bombe in der Szene eingeschlagen. Ihr Debütalbum "Colored Emotions" wurde 2012 mit höflichem Respekt, nicht aber überschwänglicher Begeisterung begrüßt; der deutlich erfolgreichere Nachfolger "Pennied Days" (2016) zeigte bereits mehr Stringenz und eine gezieltere Bündelung von Talent, hatte aber seinen Fokus auch noch nicht wirklich gefunden.

Erst das nun vorliegende dritte Album, "Can You Really Find Me", vermittelt einen rundum schlüssigen musikalischen Auftritt und das, was man hin und wieder "formale Geschlossenheit" nennt. Mit gewaltig viel Bombast und Zuckerguss aus den Keyboards und in den Vokal-Arrangements um Pelants relativ hohe White-Soul-Stimme wird hier eine Mischung aus Rock, Pop, Soul, Psychedelia und Belcanto verkleistert, die der Belastung durch überhöhten Fettgehalt standhält und der Band trotz ihrer chamäleonhaften Vielfältigkeit eine starke Identität verleiht.

Das heißt: So unterschiedlich und beizeiten durchaus auch gepflegt langweilig einzelne Stücke wie das an Hall & Oates anstreifende "Waiting For The Symphony" auch sein können, so gut sichtbar trägt die Musik die Trademark "Unverwechselbar Night Moves". Dazu enthält "Can You Really Find Me" neben einigen recht guten auch zwei weltmeisterliche Songs: "Strands Align" fließt als beschwörend-eindringliches Stück Sehnsuchtspop mit verwischten Keyboards, ausholender Pedal-Steel-Gitarre und munteren Gitarren-Obertönen auf einer weißen Wolke; die beseelte, entfernt an Alex Chilton erinnernde Liebesballade "Angelina", deren eigentlich raues Gitarren-Intro sofort durch String-Synthies ausgebügelt wird, schleicht klagend und bedrückt durch das Drama der menschlichen Existenz und ihrer Unberechenbarkeiten.

Hindernisparcours

Nicht weit weg von dieser Güteklasse, nur eine Spur zügiger, ist der Faserschmeichler "Saving The Dark". Exorbitanter Schwulst türmt sich in der Soulrockballade "Ribboned Skies" auf. Im Opener "Mexico" klingen, wenngleich gebrochen durch einen instrospektiven Einschub, Echos des noch stärker Country-beeinflussten LP-Debüts "Colored Emotions" durch. Stück für Stück ergeben diese divergierenden Teile ein ansehnliches Ganzes.

Inhaltlich dominieren - wir wären wieder beim Sommer - Beziehungsthemen. Doch überlagert Pelant diese immer wieder mit Bekenntnissen der Hingabe an seine Profession. Das sich diese manchmal als Hindernisparcours voller Fallstricke und "broken scripts" darstellt, liegt in der Natur der Sache. "I’m just somebody who got caught in a game / I do believe that it’s taken some time / Slow chances went and slid on by / A way out that I couldn’t decide", wie der Sänger in "Strands Align" resümiert.