Stellvertreterleid im (Pop-)Song hat bekanntlich eine lange Tradition. Von der sozialrealistischen Wehklage im Blues bis hin zu den "Baby, bitte verlass mich nicht"-Studien im wehleidigen "Auseinandergehen ist schwer"-Poprock gibt es da draußen in der Schicht der Endverbraucher nicht nur ein dankbares Publikum, das sich nur zu gerne daran weidet, selbst nicht betroffen zu sein.

Neben dem also immer etwas österreichisch-sadistischen Trend, anderen dabei zuzuhören, wie es ihnen gerade so richtig beschissen geht, gibt es aber natürlich auch die gute alte Ventilfunktion. Das bedeutet, dass man sich durch das Vorleiden anderer ertappt oder bestätigt fühlt, davon in jedem Fall aber bewegt wird. Es ist dann der Griff zum Taschentuch nicht mehr weit - beziehungsweise die Ausrede, dass einem eine Mücke ins Auge geflogen ist, wenn man blöderweise einmal in der Öffentlichkeit beim Tränen und Trenzen erwischt worden sein sollte.

Künstlerseitig ist anzumerken, dass so ein ans Herz rührender, richtig ran- und reingehender Breakup-Song zwar keine autobiografische Grundlage benötigt. Schaden wird es aber sicher auch nicht, emotional gerade selbst durch die Hölle gegangen zu sein. Vor allem könnte sich bei den Rezipienten ein zusätzlicher Verstärker einstellen, der zärtlich "Du bist nicht allein" in den Gehörgang ufft, ächzt und seufzt. Herr und Frau Popstar aus dem Elfenbeinturm sind einem dann plötzlich ganz nahe.

"Late Night Feelings"-Albumcover.
"Late Night Feelings"-Albumcover.

Der britisch-amerikanische Musikmillionär und Starproduzent Mark Ronson hat die Scheidung gerade hinter sich. Seine nunmehrige Ex-Frau und auch weiterhin Teuerste, die französische Schauspielerin und Sängerin Joséphine de La Baume, war nach weniger als sechs gemeinsamen Ehejahren der Meinung "Genug ist genug" - und nahm sich einen Anwalt. Die Folgen sind jetzt auch auf einem neuen Album zu hören, das der heute 43-Jährige (noch ist nichts verhaut!) dieser Tage mit dem Titel "Late Night Feelings" (Sony Music) auf den Markt gebracht hat.

Stellvertreterleid ist dabei in zumindest zweifacher Hinsicht ein Thema. Immerhin ist der Mann, der allerspätestens durch seine Arbeit für das Amy-Winehouse-Album "Back To Black" im Jahr 2006 zum Big Player im Geschäft wurde, schon immer ein Kollaborateur und Teamspieler gewesen. Auch für die dreizehn neuen Stücke seines mittlerweile fünften Solostreichs zeichnet Ronson wieder als Hauptautor und ausführender Produzent verantwortlich, neben Co-Produzenten wie Jamie xx (The xx) oder Kevin Parker (Tame Impala) ist es aber eine Armada an (außerdem mit Writing-Credits vertretenen) Gastsängerinnen wie Lykke Li, Alicia Keys, Camila Cabello, Angel Olsen und Yebba, die dem Album Gesicht und Stimme verleiht.

Hübsch holpernd

Oh weh! Oooh, Baby! Ogottogott! Seufz. Es ist allerdings nicht nur das Sniefen und Schnäuzen, das die Songs dominiert, etwa zum zarten Vocoderkitsch von "Spinning", dem Folkpop der um eine Lagerfeuergitarre und Miley Cyrus ergänzten Auftaktsingle "Nothing Breaks Like A Heart" - oder überhaupt im ersten Drittel der Platte, wo es nur dem geschickten Handwerker in Ronson zu verdanken ist, dass man trotz der Pop-Stangenware von Songs wie "Don’t Leave Me Lonely" nicht auf die Stopptaste drückt.

Zu lebensfrohen Kompensationsdiscobeats, sexy angefunkten Gitarren und etwas Slapbass geht es draußen in der Nacht zwischen den Clubs und hernach inter den Laken auch darum, sich über das Erlebte und Erlittene hinwegzutrösten: "Fucking around / falling in love." Das hübsch holpernde "True Blue" mit seiner Queen-Referenz und einem gewinnenden Gesangsbeitrag von Angel Olsen und das mit käsigen Keyboardsounds für Feuerzeugalarm in den Mehrzweckhallen dieser Welt sorgende "2 AM" sind an dieser Stelle zu nennen: "I’m not your lover, but we’re making love / And don’t blame it on being drunk / Don’t say I’m just a 2 AM."

Im Falle des Albumhöhepunkts, dem von Alicia Keys zu einem abgedunkelten Trip-Hop-Beat keifend und keppelnd vorgetragenen "Truth", stehen die Zeichen auf Angriff und Gegenwind: "How bad do you want it?!" Es werden "Pieces Of Us" ausgemacht und mühsam wieder zusammengeklaubt. Irgendwann aber heißt es: "Hey, I’m gonna be alright!"

Die Sache mit der "2 AM" scheint gewirkt zu haben. Sex ist entspannend. Mark Ronson datet übrigens wieder.