Wien. Ob im Kino, am Musikmarkt oder in der Chips-Werbung: Der süße Vogel Jugend beflügelt die Wirtschaft. Umso überraschender der Erfolg einer kubanischen Combo in den 90er Jahren. Der Amerikaner Ry Cooder besuchte damals die Insel mit den Rost-Autos und entdeckte, so glauben jedenfalls viele, im weltvergessenen "Buena Vista Social Club" ergraute Sensationsmusiker. Was freilich nicht stimmt. Tatsächlich hat Cooder auf Kuba einfach eine gute All-Star-Band zusammengestellt; einen "Buena Vista Social Club" gab’s dort seit Jahrzehnten nicht mehr.

Seit Cooders Erfolgsalbum strahlt der Name jedenfalls wieder Aura aus, und er avancierte zu etwas, das auf Kuba unbekannt ist: einer Marke mit globaler Zugkraft. Allerorts wollte man sie seither hören, diese ergrauten Neo-Stars von der Insel, allerorts gaben sie dann auch ihre patinierte, eindringliche Tanzmusik zum Besten.

Problem Vergänglichkeit

Spätestens in den Nullerjahren bekam dieses Erfolgsmodell aber ein Problem namens Vergänglichkeit. Rubén González und Compay Segundo starben 2003, Ibrahim Ferrer 2005. Omara Portuondo ist heute die letzte Überlebende von Rang und Namen, biblische 88 Jahre alt. Das Gesicht ist hager, die Beine tragen sie nur mehr mit Hilfe. Allerdings: Die Lust, sich auf die Bühnen dieser Welt hieven zu lassen, hat sie nicht verlassen. Und so konnte das Jazz Fest Wien am Sonntag einen späten, vielleicht letzten Verwertungserfolg des "Buena Vista"-Modells feiern: Als die Frau im Wallekleid ihrem Bühnensitz zugeführt wurde, spendete eine voll besetzte Wiener Staatsoper Lebenswerkapplaus.

Tatsächlich blitzt aus Portuondos Blick weiterhin Lebenshunger. Die Greisin lässt die dürren Arme rotieren und die Hüfte kreisen als Beweis ihrer Beweglichkeit. Und: Sie will fast jedes Lied bis Sankt Nimmerlein spielen. Noch einmal! Wie ein trotziges Kind deklamiert sie die Titelzeile auch dann noch, wenn die Band längst zur nächsten Nummer weitergeblättert hat; zu einer veritablen Kraftprobe gerät "Guantanamera". Man mag dies als wunderlichen Alters-Charme betrachten.

Wogegen sich aber auch Portuondo nicht stemmen kann, ist der Stimmverfall: An die Stelle der gewohnten Anmut ist ein Sprechgesang von vager Tonhöhe getreten; ein Wabervibrato verzerrt hohe Noten. Zwar beweist die Kubanerin in "Te queria", dass sie trotzdem Ausdruckskraft zu erzeugen weiß. Die Begleitband (vor allem der notensprudelnde Pianist) versucht diese Defizite aber mit einem Übermaß an Virtuosität und Synthie-Sounds wettzumachen, was den fragilen Charme weitgehend erdrückt. Am Ende dennoch Jubel.

Mit Bademantel und Pantoffeln wagte sich am Abend davor der Allround-Pianist Chilly Gonzales ebenfalls auf die Bühne der Staatsoper. "Pianovision", der Titel des Abends, war Programm. Durch eine über der Bühne angebrachte Leinwand konnte das Publikum die flinken Hände des Künstlers beim Spielen mitverfolgen. Bei rührigen Musikstücken wurden sogar Tränen als Special Effects eingeblendet. Gonzales ging den Abend zunächst ruhig an und spielte einige stimmige Piano-Solo-Stücke, bevor er das Publikum begrüßte. Als erster Gast kam die Cellistin Stella Le Page zu ihm auf die Bühne, die mit ihm seine erste Komposition "Cello Gonzales" darbot. Das Stück entpuppte sich, trotz des eher einfallslosen Titels, als wunderschönes, stimmiges Duo. Als zweiten Gast begrüßte Gonzales den Schlagzeuger Joe Flory. Einer der Höhepunkte des Abends war "The Grudge", ein wildes Musikstück über Gonzales Leben als Musiker, bei dem auch gerappt wurde. Gonzales sparte weder an musikalischer Diversität noch mit Scherzen. Er unterhielt das Publikum mit einer netten Anekdote über seine Liebe zu dem deutschen Wort "sehr", das er auch in einem seiner Rap-Songs vertonte und ähnlich wie das Wort "yeah" einsetzte. Außerdem gab er den Zuschauern eine kurze Einheit Musiktheorie und zeigte ihnen anhand des Jazz-Klassikers "Take Five", dass Jazz-Musik nicht kompliziert sei. Gonzales deckte die einfache Bauweise von Popsongs auf und zeigte das anhand von Nirvanas "Smells Like Teen Spirit" und Britney Spears "Hit Me Baby One More Time", die er beide in ein Medley verpackte. Zudem bekrittelte er DJs und meinte, sie seien das Gegenteil eines Musikers. Alles in allem war es ein gefälliges Konzert mit einigen lustigen Momenten.