Der Mann versteht sich durchaus aufs Schmähführen, was etwa auch mit zwei temporär nicht besetzten Sesseln in der ersten Reihe fußfrei zu tun haben kann und damit, dass das definitiv nicht so bleiben soll. Und er gibt am Montagabend im ausverkauften Porgy & Bess bei seinem Auftritt im Rahmen des Jazz Fest Wien auch gleich einmal vor, gar nicht José James zu sein, sondern dessen Bruder Jeff. Jeff ist aber natürlich trotzdem José und als solcher laut Eigenaussage mindestens zehn Personen in einer, die man sich aber zumindest im klinischen Sinn nicht gespalten vorstellen muss.

Künstlerisch und sehr gerne auch modisch gilt der 1978 in Minneapolis geborene Sänger hingegen völlig zu Recht als Tausendsassa zwischen den Stilen, wobei sich mitunter die Frage stellt, ob man seine Karriere nun als schwer zu fassen, heterogen oder schlicht als profillos bezeichnen soll. Entdeckt durch den Radio-DJ Gilles Peterson und nach Anfängen auf dessen Label Brownswood Recordings zwischen Soul, R&B, Hip-Hop und Jazz bereits breit aufgestellt, standen neben Kollaborationen mit dem belgischen Jazzpianisten Jef Neve und einer gemeinsamen John-Coltrane-Hommage auch Arbeiten mit Acts wie dem US-Elektronik-Eklektiker Flying Lotus auf dem Programm.

Wenn der heute 41-Jährige gerade nicht aussieht wie ein Cloud-Rapper mit ohne Frisur und auf Alben wie "Love In A Time Of Madness" interessante elektronische Ansätze auf unentschiedenen Kompromiss-R&B treffen lässt, um damit aus einer Phase als dem Original verpflichteter "Interpret" etwa der großen Billie Holiday in die künstlerische Gegenwart zurückzukehren, weiß man vielleicht immer noch nicht, wer genau José James ist. Man kommt seinem verschwommenen Zerrbild aber schon etwas näher.

Scat 2.0

Oder vielleicht auch nicht: Im Porgy & Bess steht der Mann slim-fit mit dunkler Sonnenbrille und einem exzentrischen Hut mit Federnschmuck auf der Bühne, um Auszüge aus seinem aktuellen Album "Lean On Me" zum Besten zu geben, mit dem zuletzt Bill Withers gewürdigt wurde. Der heute 81-jährige US-Soulsänger ist für eine Reihe an Evergreens zwischen eben "Lean On Me", "Just The Two Of Us", "Lovely Day" und "Ain’t No Sunshine" bekannt und im Wesentlichen bereits seit den späten 70er Jahren in der Pensi. Er kann es sich leisten. Leute wie José James, der die Songs schon wieder nicht interpretieren will, weil er die Originale so gern hat, haben mit zahllosen Coverversionen quer durch die Dekaden schließlich dafür gesorgt, dass der Tantiementsunami ungebrochen auf das Konto schwappt.

"Ain’t No Sunshine" macht auch im Porgy & Bess den Auftakt und geht in ein Set über, mit dem James’ hervorragende dreiköpfige Band auf reichlich Hüftgroove und jede Menge (Wahwah-)Funk setzt. Das sorgt für Stimmung, geht zugunsten der Erbverwaltung und des künstlerischen Systemerhalts aber auf Kosten von auch nur einem Ansatz an neuen Ideen.

Dass seine Band auch schmusig gestimmten Bedroomsoul kann, hört man bei einem kurzen Ausflug auch. Man will sich allerdings gar nicht erst vorstellen, welches Ereignis Namen wie Charles Bradley, selig, oder Lee Fields aus diesem Zwischenspiel gemacht hätten. Bei José James klingt das alles technisch-geschult und handwerklich präzise, aber glatt wie ein olympischer Eislaufplatz vor dem ersten Training. Es fehlt die gefühlte und erlittene Tiefe, aus der das Genre in der Königsdisziplin seinen Gänsehautfaktor bezieht.

Neben selbst geschriebener Allerweltsmusik wie "Live Your Fantasy" von 2015 und akklamierten weiteren Bill-Withers-"Interpretationen" wird aber zumindest gegen Ende tatsächlich aufgezeigt: José James schaut mit "Winter In America" beim großen Soul-Jazz-Poeten Gil Scott-Heron vorbei und zerstückelt mit "Park Bench People" aus seinem Debütalbum "The Dreamer" von 2008 im Spoken-Word-Teil auch einen eigenen Song als Scat 2.0, der aus einer Art vokaler Imitation von Turntable-Scratching entsteht. Das war sehr lässig.