Wien. Und dann hüpft er wieder vom Klavier. Zwar wird Jamie Cullum im August 40 Geburtstagskerzen ausblasen - auf der Bühne ist er aber immer noch das Springinkerl, als das er die Musikwelt 2003 erobert hat. Der Brite mit der rauchigen Pfefferstimme und den flinken Klavierhänden begeisterte am Dienstag im Rahmen des Jazz Fest Wien die Staatsoper: Ein Mix aus Swing-Standards, bewährten Eigenkreationen und Neuigkeiten vom Album "Taller" sorgte dafür, dass sich das Wiener Sitzfleisch allmählich von den Sesseln löste und die Tanzlust im honorigen Raum um sich griff. Die "Wiener Zeitung" traf Cullum vor Konzertbeginn zum Interview.

"Wiener Zeitung": In den Nullerjahren galten Sie als Frischzellenkur für den Jazz: der Jungspund mit den Sneakers am Klavier. Hatten Sie jemals Angst, der Erfolg könnte im höheren Alter abflauen?

Jamie Cullum:Gute Frage. Ich sehe rund um mich viele Musiker, die ihren Drive verlieren. Die Tourneen werden härter mit zunehmendem Alter. Nicht, weil man müde wird, sondern weil man vielleicht Kinder hat und ein Zuhause, statt zehn Freundinnen pro Jahr.

Was aber wohl auch anstrengend sein kann.

Klar. (lacht). Meine Leidenschaft und Neugier gegenüber Musik sind jedenfalls ungebrochen, und ich denke, meine heutigen Lieder besitzen eine bessere Architektur als meine alten, obwohl ich die auch liebe. Das eigene Schaffen kann im Laufe der Jahre reicher werden, das sehe ich auch bei Idolen von mir wie Tom Waits, Prince, Miles Davis. Ich lebe heute gesünder als mit 20, ich trinke nicht mehr, rauche nicht mehr, bin auch nicht mehr ewig wach. Vielleicht verliert man mit der Zeit ein wenig vom Feuer der Jugend, aber man gewinnt auch gewisse Dinge.

Braucht Kreativität ein gewisses Maß an Chaos?

Ich denke, es gibt viele Mythen über Kreativität. Was sie braucht, ist guter Input. Du solltest anregende Menschen um dich haben und gute Dinge lesen und anhören statt festzustecken und dich nur mit dir zu beschäftigen. Um kreativ zu sein, musst du nicht unbedingt eine Scheidung oder eine Trennung erleben. Solche Lieder sind für mich wie ein Teenager-Tagebuch verglichen mit einer Kunst, die aus Weisheit schöpft. Nick Cave schrieb besser als je zuvor, als er nicht mehr heroinabhängig war.

Sie haben fünf Jahre lang nichts veröffentlicht - Ihre Familie hat Sie auf Trab gehalten. Auf "Taller" sind jetzt nur Lieder aus eigener Feder zu hören, Hauptthema ist ein Gewinn an Lebensreife. Bedeutet diese Reife auch mehr Trauer? Auf dem Album sind einige Balladen vertreten.