Das ist im Musikalischen über weite Strecken klug und informativ. Balzer, Spezialist für akustisch durchaus Abgefahrenes bis Skurriles, ist ganz in seinem Element und kann einige Male auf eigene Interviews mit vor einigen Jahren noch lebenden Protagonisten jener Jahre zurückgreifen. Vor allem der Part über die Ramones, englischen Punk und die Fabrikation der Sex Pistols durch Malcolm McLaren sowie das Kapitel über die "Muppet Show", die "Sesamstraße" und das westdeutsche Pendant "Rappelkiste", überanstrengt sozio-pädagogisch wertvoll, ragen heraus.

Fokus auf Deutschland

Deutlich wird, was wir dieser Dekade alles verdanken: einen neuen Blick auf Geschlechter- und Familienverhältnisse oder die Ausdifferenzierung der Gesellschaft in Untergruppen und Unteruntergruppen, die sich damals erstmals eigene Safe spaces suchten, in Discos oder in der aufkommenden Ökobewegung, in der Esoterik oder - und das zeigt
Balzer eminent gut - im keineswegs harmlos gemeinten Spiel mit Nazi-Emblemen.

Andererseits tritt gelegentlich Politisches so sehr und so stark in den Hintergrund, dass es gänzlich verschwindet. Der Vietnam-Krieg und sein Ende etwa. Der schmähliche Rücktritt Willy Brandts, von nicht wenigen prophetengleich verehrt, in Folge einer Spionageaffäre. Die Hoch-, Auf- und sogenannte Nachrüstung am Ende des Jahrzehnts. Und noch anderes fällt auf. Auch wenn Balzers Darstellung im Halbjahr zwischen erster Werbeankündigung und endgültigem Ausliegen in den Buchhandlungen um 80 Seiten anwuchs, auffällig - und im Lauf des Buches immer unübersehbarer - ist die nahezu ausschließliche Fokussierung auf die Bundesrepublik Deutschland.

Auch wenn ein wenig New York vorkommt und zwei Prisen Großbritannien, so gerät Österreich fast gar nicht in den Blick, die Schweiz überhaupt nicht, Rest-Europa exakt null Mal, zu schweigen von simultanen Entwicklungen in Ländern jenseits des Eisernen Vorhangs oder in Afrika, Asien, Latein- und Südamerika. Dieses und jenes werden einige aus eigenem Erleben zudem nostalgisch vermissen. Was ist mit dem Bonanza-Fahrrad? Oder mit Fototapeten, die Betonhochhauswohnungen und Zahnarztordinarien Wälder in Ganzwandanbringung bescherten, oder Sonnenaufgänge über polynesischen Atollen?

Die TV-Serie "Der Bastian" behandelt Balzer überzeugend im Zusammenhang mit dem Softie-Mann. Aber was ist mit "Kung Fu" oder mit den "Drei Engeln für Charlie"? Letztere verweisen bereits visuell wie schauspielerminderleistungsmäßig auf den fröhlich explosiven Hedonismus der frühen und mittleren Achtziger Jahre, auf Serien wie "Dallas" oder "Miami Vice" oder auch auf Reagans Mittelamerika-Politik. Und genauso gut und angemessen hätte Balzer sein Buch mit dem seinerzeitigen Weihnachts-TV-Straßenfeger "Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen" enden lassen können.