Marketingtechnisch wurden selbstverständlich keine Gefangenen gemacht. Die Aussicht, den Erfolg des mit 150 Millionen Albumverkäufen innerhalb von nur acht Jahren und Streams im Fantastilliardenbereich wirkungsmächtigsten männlichen Popstars unserer Tage in engerer Nähe zu den Bestsellergenres Hip-Hop und R&B noch einmal zu multiplizieren, sorgte auch für ein "+" in Sachen PR-Etat und Humankapital. Immerhin gingen der in der Nacht auf Freitag erfolgten Albumveröffentlichung ganze sechs Singles voraus, die es zu bewerben galt.

"We are not beautiful!"

"I Don’t Care" im Duo mit Justin Bieber und dessen peinlich-drolliges Musikvideo sowie "Beautiful People" bildeten dabei eine eigentümliche Klammer. Ed Sheeran singt vom Sichdeplatziertfühlen auf Partys und gibt den Rainhard Fendrich beim Schikanieren der Schickeria, der er längst selbst angehört: Sie sind die Hautevolee, sie hab’n den Überschmäh. Daraus entsteht eine Underdoghymne mit der vielleicht speziellsten Kernbotschaft in der Geschichte des Self-Empowerments: "That’s not who we are! We are not beautiful!" Zehntausende Teenager pro Konzert singen das schon demnächst live mit.

Autobiografischer huldigt auch "Take Me Back To London" gewissermaßen dem Jetset, wobei die Bezugnahme zur Grime-Szene wahlweise für Sympathiepunkte oder Anbiederungsvorwürfe sorgen wird. Hier zeichnet Sheeran ein Selbstporträt des Mainstreamsängers als verkappter Rapper. Selbstreferenziell in entsprechender Ego-Battle-Manier von wegen "Ich war ein Nichts, ihr habt nicht an mich geglaubt, und jetzt seht, was aus mir geworden ist" geht es bei "Remember The Name" zu. Über die Karriere-Nebenwirkungen im Stress mit dem Stress und dem Stress mit der Frau wiederum hört man bei "I Don’t Want Your Money", das den inhaltlichen Input von Wham! aus dem goldenen Zeitalter des Kreditkarten-, Kokainabusus- und Yuppie-Pop der 1980er Jahre dankbar annimmt.

Wirklich heftig aber wird es, wenn sich Ed Sheeran einmal so richtig abnabeln will und gemeinsam mit Bruno Mars und Chris Stapleton einen Song mit dem bereits gefährlichen Titel "Blow" intoniert. Der klingt erheblich nach den Königspudeln von Led Zeppelin kurz vor dem Gitarrenorgasmus und widmet sich dem Genre der rockenden und rollenden Sexualpoesie, die schon immer dazu verdammt war, in die Hose zu gehen: "Locked, loaded, shoot my shot tonight / I’m comin’, baby! / I’m gunnin’ for you!"

Ed Sheeran kommt, wir aber gehen. Eine postkoitale Depression ohne Orgasmus ist möglich.