Irgendwie ist es in den letzten zehn Jahren unmöglich geworden, noch halbwegs akkurat zu bestimmen, wofür die Flaming Lips stehen. Zeitlich kann man drei Phasen in ihrer mehr als 30 Jahre währenden Karriere ausmachen: Die erste, die von ihrem Debütalbum "Hear It Is" (1986) bis zum exzellenten "Clouds Taste Metallic" von 1995 reicht, stand im Zeichen eines Distortion-Rock, der sich trotz seiner Exzentrik gut mit der aufkeimenden Grunge-Bewegung vertrug und 1993 mit "She Don’t Use Jelly" auch einen veritablen Hit abwarf.

Phase zwei ist jene, mit der die Flaming Lips bis heute am stärksten identifiziert werden: Die Epoche des groß orchestrierten, nach allen Himmelsrichtungen offenen Pop, der im Einzelfall klassisch ("The Soft Bulletin", 1999), elektronischer ("Yoshimi Battles The Pink Robots", 2002) oder auf reizvolle Weise disparat ("At War With Mystics", 2006) arrangiert war.

Zwischen Phase eins und zwei liegt als Sonderfall die Vierfach-CD "Zaireeka" (1997): Zum simultanen Abspielen auf vier Geräten gedacht und auf Parkplätzen über die Lautsprecher von hunderten Autos uraufgeführt, passt sie symbolisch eigentlich zu Phase drei, die die Gegenwart abbildet und von der noch kein Ende abzusehen ist.

Diese Periode beginnt mit dem sphärischen, rein instrumentalen Soundtrack zum "Sci-Fi"-Film "Christmas On Mars", der großteils im Garten von FL-Frontmann Wayne Coyne in Oklahoma City gedreht wurde. Mit "Embryonic" (2009) brechen die Flaming Lips, deren Shows mittlerweile riesige High-Tech-Spektakel mit Glitzer, Konfetti, Einhörnern und futuristischen Apparaten sind, schockartig mit ihrer so erfolgreich etablierten Gefühligkeit: harsche elektronische Texturen, unnachgiebiges Trommel- und Percussiongeknatter und ungewohnter Zynismus über Themen wie Umweltzerstörung und Vergänglichkeit.

Auf "The Terror" (2013) ist das instrumentale Dickicht zugunsten des meist im Chor vorgetragenen, eigentümlich kraftlosen Gesangs etwas gelichtet, dafür geht es thematisch auf eine Einbahnstraße in die Depression.

Expressive Chöre

Der bisher letzte reguläre FL-Longplayer, "Oczy Mlody", ließ im Jahr 2017 die experimentelle Konsequenz seiner Vorgänger vermissen, ohne an die klassische Phase anschließen zu können. Dazwischen liegen Kooperationen mit u.a. Miley Cyrus, Erykah Badu oder Henry Rollins und Hommagen an Pop-Monolithen wie Pink Floyds "Dark Side Of The Moon". Es ist angesichts solcher stilistischer Schikanen nicht verwunderlich, dass das nun vorliegende neue Album der Band, "King’s Mouth", als "Rückkehr zu alter Form" gefeiert wird.

Die Flaming Lips haben sich wieder tiefer in jene (neo-)psychedelische Besinnlichkeit versenkt, aus der sie ihre anrührende Musiksprache entwickelt haben. Das heißt: fließende Keyboards, Sphärensounds, behutsame Gitarren, expressive Chöre und die bewegende Stimme von Wayne Coyne.

"King’s Mouth" ist ein Konzeptalbum mit Narrativ. Aus einer 2017 in Portland erstausgestellten Installation Coynes entwickelt, ist dieses schnell erzählt: Ein König von (physisch) riesenhaften Ausmaßen opfert sich für seine Untertanen, indem er sich einer Lawine entgegenstellt. Nach seinem Tod wird sein Kopf abgeschnitten, in Stahl gegossen, sein geöffneter Mund eine begehbare Zone - so ist er im wahrsten Wortsinn noch immer für sein Volk da. Im Prinzip also eine Biografie, eignet sich die Story bestens für philosophische Klimmzüge über Leben und Tod.

Mick Jones, legendärer Gitarrist von The Clash, führt als Erzähler durch das Hörspiel. Als solches funktioniert es viel besser, als man es erwarten würde. Mindestens zwei der neuen Stücke, nämlich der ergreifende Titelsong und "The Sparrow", können sich mit alten Kalibern wie "Waitin’ For A Superman" übrigens messen. Und man weiß, was man an den Flaming Lips hat - und warum man diese Spinner nicht missen möchte.