Gitarren: Apropos "Nova Rock"-Festival: Unter den großen Popfestverliererinnen ist die (Rock-)Gitarre ganz vorn mit dabei. Kommt quasi nicht mehr vor, ist de facto abgeschafft. Braucht keine Sau. Vermutlich hat die Welt auch wirklich zu lange unter jungen weißen Männern gelitten, die ihr Leid mit Saitengezupfe vor dem Lagerfeuer oder mit Testosteron- und Aggressionsausstoß an ihrem Fender-Stratocaster-Modell kanalisieren wollten. Buhu! U-aaargh! Mutigerweise wagt sich zumindest das Quartett At Pavillon noch in klassische Indie-Rock-Gefilde vor. Zur Strafe dafür gibt es den Slot in der Nacht auf Samstag um 3 Uhr früh im Prechtlsaal der TU.

Hip-Hop: Gitarren sind also out, dafür regiert Hip-Hop die Charts dieser Welt - und wenn es ganz hart kommt (Stichwort RAF Camora & Capital Bra) sogar das Programm von Ö3 oder gefühlte 60 auf Lautsprecher gestellte Smartphones vor der Lugner City gleichzeitig. Das Popfest zieht nach und präsentiert eine gefühlte Lawine an entsprechenden und stilistisch eh breit gefächerten Acts zwischen Kerosin95, Swankster oder Dero & Klumzy. Zumindest zwischendurch wird es heuer außerdem Poetry-Slams und Open-Mic-Sessions geben.

Musik (allgemein): Die Song-Contestisierung der Popfest-Saison 2019 schreitet auch am Freitag voran, wenn Paenda die Headlinerin auf der Seebühne gibt. Elektronisch angelegter Neo-Soul regiert die Hauptbühne am Samstag beim Auftritt von Soia. Den Endpunkt setzen die Eklektiker des Kollektives Iris Electrum am Sonntag ab 22 Uhr in der Karlskirche. Neben einem Mehr an globaler Folklore um multilinguale Acts wie die iranische Sängerin Golnar Shahyar fällt auch ein höherer Jazz-Anteil im Programm auf, für den Mira Lu Kovacs verantwortlich zeichnet. Spannend könnte hier vor allem die ins Performative drängende "aggressive Heilmesse" mit dem Titel "Embracing Shitstorm" aus der Wiener Jazzwerkstatt sein (Samstag, 21 Uhr, Wien Museum).

Quietschentchen: In meiner Badewanne bin ich Kapitän. Das denkt sich auch die aufblasbare Gummiente, die sich in Obhut des mit dem Popfest eng verbandelten Radiosenders FM4 befindet und alljährlich entspannt im Karlsteich treibt. Die Quietschente trägt Kopfhörer wie ein DJ oder ein Influencer - oder soll das eine Art Gehörschutz sein, wie er sich im Boboelternmilieu großer Beliebtheit erfreut? Egal. Das Entchen ist jedenfalls niedlich und passt gut zum menschenfreundlichen Image des Popfests. Wer blöd in der Gegend herumstänkern will, darf im August zu Metallica gehen.

Rahmenprogramm & Sessions: Die Popfest-"Sessions" als Hinter-den-Kulissen-Format zwischen etwas Theorie und viel gelebter Praxis wenden sich an ein Fachpublikum ebenso wie an die interessierte Laufkundschaft. In Zusammenarbeit mit dem mica (Music Information Center Austria) geht es heuer etwa um Radiojournalismus sowie selbstreferenziell um Einblicke in die Popfest-Kuratierung oder das mica selbst. Eine Schallplattenbörse (Freitag ab 14 Uhr) und zwei Frage-Antwort-Sessions mit Musikern und Musikarbeitern (Samstag ab 14 Uhr) runden das Programm ebenso ab wie eine Lesereihe im Karlsgarten (sonntags).

Volksfeststimmung: Das Popfest ist auch heuer gratis, es gibt also Gründe jenseits der Musik, die für den gewohnten Massenandrang sorgen. Im Optimalfall bringt das neue Fans, im Worst Case ist das Geschnatter lauter als die Musik. Gegenüber dem Popfest hat ein handelsübliches Volksfest den Vorteil, dass es auf Messearealen oder im Bierzelt stattfindet und nicht am Rande der Wiener Innenstadt.