Auf der - übrigens recht schönen und nächste Woche im "extra" näher zu beschreibenden - neuen LP der Violent Femmes findet sich zum Abschluss eine Deutung von Irving Berlins "God Bless America". Ja, genau das. Die inoffizielle Hymne der USA. Dieses pathetische Stück Verklärung, dem Woody Guthrie als realistischen Konter "This Land Is Your Land", die Mutter aller Protestsongs, entgegengehalten hat.

Natürlich glaubt niemand ernsthaft, dass die Violent Femmes, eine Vorzeige-Band des "anderen", "guten" Amerika, sich plötzlich auf die Trampelpfade des vulgären "America first"-Chauvinismus geschwungen haben. Trotzdem wird das (musikalisch recht interessant Richtung Jazz arrangierte) Lied Rätsel aufgeben und Stirnrunzeln auslösen. So wie seinerzeit Nicos Version des "Deutschlandlieds", das im angloamerikanischen Raum übrigens besser ankam als im deutschsprachigen.

In den USA können patriotische Lieder auf vielfältigste Weise gelesen werden. Fast jedes von ihnen - auch "God Bless America" und seit Jimi Hendrix’ Auftritt in Woodstock selbst die Hymne "Star Spangled Banner" - wird von unterschiedlichsten gesellschaftlichen und politischen Interessensgruppen für sich reklamiert: von ganz links (als bis dato nie eingelöstes Versprechen von Freiheit und Egalität) bis ganz rechts (als Bestätigung von Omnipotenz- und Weltbeherrschungsanmaßungen).

Ebenso vielgestaltig zeigt sich in der Populärmusik das Bild des Landes, in dem sich Fremdlinge wie Ian Hunter ("All American Alien Boy") oder Sting ("Englishman In New York") bisweilen wie Wesen von einem anderen Stern fühlen. Relativ selten ist dieses Bild eindeutig schön oder eindeutig hässlich. Wenn das Country-Genre zu Heimat-Idylle und Nationalismus neigt, kommt doch auf jeden Roy Acuff, Roy Rogers, Lee Greenwood oder Toby Keith seit jeher auch ein Johnny Cash, Willie Nelson, Kris Kristofferson oder Steve Earle.

Auf der anderen Seite zeigt der amerikanische Rock seit Ende der 1960er Jahre eine kritische Schlagseite, die durch Figuren wie Lynyrd Skynyrd, Ted Nugent oder Kid Rock wieder etwas nach rechts korrigiert wird. Und wenn auch in der heutigen Popmusik die Kritik an den USA tendenziell lauter wird, so schwingt in ihr doch noch oft die Erinnerung an ein Versprechen mit, wie es eigentlich hätte sein können/sollen.

Es gibt von der klassischen Rock-’n’-Roll-Arä bis in die frühen 60er Jahre ein Zeitfenster, da stellt sich Amerika als Dorado der Modernität und Vitalität dar. Die Beach Boys huldigen in Songs wie "Surfin’ U.S.A." dem Sommer, dem Strand und dem Wellenreiten. Chuck Berry wiederum, der musikalische Vater von "Surfin’ U.S.A." ("Sweet Little Sixteen"), delektiert sich in "Back In The U.S.A." an den Burgern, die Tag und Nacht auf den Grills brutzeln und an den Jukeboxes, die unablässig Musik ausspucken. Aber kein Licht ohne Schatten - im "Summertime Blues" erzählt der früh verstorbene Rock’n’ Roller Eddie Cochran vom harten Los eines jungen Mannes, dem der Spaß verwehrt bleibt, weil er arbeiten muss.