Bassist Brian Ritchie bezeichnet das neue Violent-Femmes-Album "Hotel Last Resort" als "das Beste, was wir seit ,Hallowed Ground‘ gemacht haben". Und den Titelsong bereichert Tom Verlaine, Frontmann des wegweisenden Rock-Quartetts Television, mit seinem fabulösen Gitarrenspiel: große Worte, große Namen. Und alles hat irgendwie seine Richtigkeit.

So kühn der mit "Hallowed Ground" angestrengte kompetitive Verweis auf die pophistorisch nachhaltige Urzeit der US-Band auch anmuten mag, so wenig entbehrt er einer realistischen Berechtigung. Und einem Anhauch von Altersmilde zum Trotz generiert Verlaine bei seinem Einsatz im Titelstück wieder jene konzentrierte Energie, mit der er seinerzeit bereits "Break It Up" auf Patti Smiths LP-Erstling "Horses" verdichtet hatte.

Nicht dass das mittlerweile zum Quartett angewachsene Trio aus Milwaukee auf seinem zehnten Longplayer seinen musikalischen Auftritt signifikant modifiziert hätte: Violent Femmes haben immer auf ihre bereits auf dem unbetitelten, platinveredelten Debütalbum (1983) etablierte Mischung aus Punk, Rock, Folk und etwas Jazz zurückgegriffen.

Das konnte funktionieren, weil es bei solchen basischen Stilen nicht auf Neu- und Umdeutungen oder modische Manierismen ankommt, sondern auf die Art ihrer wechselseitigen Zusammensetzung. Violent Femmes forcieren einmal mehr unverstärkten Roots-Appeal, dann wieder Rock, prononcieren sporadisch die Jazz-Elemente und kommen hin und wieder auch einer amerikanischen Variante des Chansons nahe. Die Performance dieser Musik basiert im Wesentlichen auf Ritchies heftig herausgeknüppeltem und von der Gitarre interpunktiertem Akustik-Bass. Darüber fegt das hohe, mittlerweile durch die Reife der Jahre vertiefte und gemilderte Greinen von Sänger und Hauptsongschreiber Gordon Gano, den es, sofern er nicht gerade schwer an der Existenz leidet, nach Sex und spiritueller Erleuchtung gelüstet.

Dazwischen kann der Mann allerdings auch herrlich absurde Szenarien kreieren - wie auf dem 2000er-Album "Freak Magnet" jene böse Geschichte von zwei Ausreißer-Kindern, die auf der Interstate von einem Monster gefressen werden, was wiederum Stoff für einen äußerst erfolgreichen Horrorfilm abwirft. Mit so einem Kaliber kann auch "Hotel Last Resort" aufwarten. Diesfalls ist es ein Spiel mit dem Gleichklang von Worten: "I was stinkin’ in a Lincoln / In a Lincoln I was thinkin’" und ähnlich phonetisch stimmiger Nonsens wird da ohne instrumentale Begleitung aneinandergereiht.

Der Einstieg ins Album ist eher mäßig: Auf gerappte Strophen über junge Menschen, die nicht leicht zu unterhalten sind, folgt ein Refrain, dessen leiernde Intonation den Worten "Please don’t sing another chorus / that’s the thing that starts to bore us" recht zu geben scheint.

Bitte auschecken

Danach wird es rapide besser: "Adam Was A Man" erzählt zum Kontrabasssaxofon des neuen Bandmitglieds Blaise Garza die Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies neu: Adam und Eva sind unglücklich. Schutt belagert die Straße des Lebens. "What about the snake?", flicht der Erzähler so lässig ein, als laufe er Gefahr, den Erzählstrang zu verlieren. Nun, die Schlange hat gut lügen. Und Gott . . . ist einfach Gott: "He’s the tailor of paradise / In the sweatshops of delight / clothing a pair of eyes in the beauty of wrong and right."

Ein Befindlichkeitsdrama vermittelt die wunderschöne Ballade "Paris To Sleep". Wesentlich kryptischer geriert sich der bereits angesprochene Titelsong. Hier wird einem geraten, auszuchecken, bevor man eincheckt. Auch sonst scheinen die Zeichen nicht auf Wohlfühlen zu stehen: "I am losing my patience at the Hotel Last Resort." Ein Rätsel anderer Art gibt dagegen Irving Berlins patriotische Hymne "God Bless America" am Ende der LP auf: Gospelartig intoniert und in einer Jazz-Improvisation ausklingend, unterscheidet sich die Deutung der Violent Femmes recht drastisch von herkömmlichen Interpretationen.

Das will offensichtlich ein Zeichen sein - aber wofür? Ein Aufruf an die guten Kräfte im Lande? Möge dem so sein. Und möge die Botschaft gehört werden.