Zeitkratzer/Kraftwerk, die Zweite. Nicht nur eingefleischte Kraftwerk-Fans waren erfreut, als das internationale Avantgarde-Kammermusik-Ensemble Zeitkratzer sich 2017 erstmalig Stücke von den ersten beiden Alben der Elektro-Pop-Pioniere vornahm. Die stilistische Verortung dieser Werke zwischen Krautrock, Elektronik und Avantgarde passte so gar nicht zum späteren Kraftwerk-Sound, weshalb die Band sie gleichsam aus ihrer Geschichte zu exorzieren versuchte.

Dank Zeitkratzer sind die bemerkenswerten Stücke nun wieder zu hören, und zudem in aufregenden Interpretationen. Das Album beginnt mit dem wunderbar elegischen "Harmonika", auf das mit dem treibenden "Stratovarius" ein wahres Highlight folgt. "Vom Himmel hoch" war immer schon eines der merkwürdigsten Stücke im Katalog von Kraftwerk: Obgleich der Titel ein beschauliches Weihnachtslied nahelegt, ist das bedrohliche Stück vielmehr eine Evokation der alliierten Bomberangriffe, mit denen die Städte des Rheinlands zerstört wurden, in dem die Kraftwerk-Gründer Ralf Hütter und Florian Schneider nach dem Krieg aufwuchsen. In der Interpretation von Zeitkratzer, die von Crescendos und gequält-hässlichen Sounds geprägt ist, erwacht dieses Stück noch einmal neu zum Leben.