1979: Wer sieht den "Slow Train Coming", wer nimmt den "Highway To Hell"? - © Cartoon: Christian Berger
1979: Wer sieht den "Slow Train Coming", wer nimmt den "Highway To Hell"? - © Cartoon: Christian Berger

Charles Mingus, Donny Hathaway und Sid Vicious sterben, Owen Pallett, Pink und Pete Doherty erblicken 1979 das Licht der Welt. Unterdessen erscheint eine Reihe an neuen Alben. Zum Beispiel diese:

The Clash: London Calling

Die Lads um Joe Strummer wurden der rohen Primitivität des Punkrock früher überdrüssig als viele Kollegen und wollten beweisen, dass sie viel mehr als eine Drei-Akkorde-Band waren. Mit diesem Doppelalbum gelang dieser Beweis. Strummer und Songwriter-Kollege Mick Jones verbanden die Energie des Punk mit einer ganzen Reihe populärmusikalischer Subgenres, heuerten gegen den Wunsch der Plattenfirma den alkoholkranken Guy Stevens als Produzenten an, und heraus kam eine Platte, die bis heute mit ihrem anarchischen Stilmix und ihrem krachig-harten, aber dennoch klaren Sound frisch und wegweisend klingt. Der Titelsong dürfte neben Bruce Springsteens "Born In The U.S.A." einer der großen missverstandenen Songs der Rockgeschichte sein. Bis heute setzt man ihn in Filmen und Werbeclips als eine Art PR-Jingle für London ein, obwohl er eine Abrechnung mit den gesellschaftlichen Zuständen Ende der 1970er Jahre ist.

- © Parlophone, Warner
© Parlophone, Warner

Pink Floyd: The Wall

Es ist eine ironische Pointe des Kapitalismus, dass die drei erfolgreichsten Alben von Pink Floyd ("The Dark Side Of The Moon", "Wish You Were Here", "The Wall") alle mehr oder weniger davon handeln, wie schlimm Erfolg und Geld doch seien. Ebenso ironisch ist, dass der Welthit "Ano-ther Brick In The Wall, Part 2", in dem die Band verkündet, sie wolle keine Bildung und der Lehrer solle sich doch bitte verpissen, zur Hymne schwarzer südafrikanischer Jugendlicher wurde, die ihn unter anderem bei Protestmärschen für einen besseren Zugang zu Bildung spielten. Und dass Roger Waters, der das Werk vor allem aus Frust über das Dasein als Stadion-Rockstar schrieb, bis heute Stadien damit füllt, ist auch irgendwie ein witziger Gag des Weltgeistes. Obwohl die Band während der Produktion von "The Wall" zerbrach, gelang ihr noch einmal ein popkulturell relevanter Welterfolg, der den antiautoritären Nerv der Zeit traf.

Marianne Faithfull: Broken English

In den 1960er Jahren war Marianne Faithfull ganz oben - erfolgreich als Sängerin und, an der Seite Mick Jaggers, ein Mitglied des Rock-Jetsets. 1970 folgte der brutale Absturz in Heroinsucht, psychische Erkrankung und sogar Obdachlosigkeit. Tantiemen ihrer alten Hits sowie ein kleiner Hit in Irland Mitte der 70er bewahrten sie wenigstens vor dem finanziellen Ruin. "Broken English" war dann ein künstlerisches und kommerzielles Comeback, mit dem niemand mehr gerechnet hatte. Getragen von einer hervorragenden Band um den Weltklassebassisten Steve York, spielte eine ganz "clean" gewordene Faithfull ein Album ein, das mit Einflüssen von New Wave und Dance voll auf der Höhe der Zeit war und trotz der kühlen und pessimistischen Grundstimmung eine positive emotionale Energie versprühte. Hier war eine Frau zu hören, die an Exzess und Verrat gereift war.

- © A&M Records, Universal
© A&M Records, Universal

Supertramp: Breakfast In America

Roger Hodgson und Rick Davies hatten bereits zehn Jahre lang zusammengearbeitet und Supertramp zu einer erfolgreichen Band, aber keiner globalen musikalischen Macht gemacht, als 1979 endlich alle Puzzleteile an der richtigen Stelle waren. Die Melodien waren unwiderstehlich, die Refrains unvergesslich, süßer Pop-Zucker und der saure Essig der Gesellschaftskritik genau abgemischt. Das Album stand sechs Wochen lang auf Nummer eins in den USA und brachte gleich vier Welthits hervor. Ursprünglich war die Scheibe als Konzeptalbum über Kommunikationsprobleme geplant, was man noch in Liedern wie "Casual Conversations" hört, doch am Ende entschloss man sich, lieber eine von sanfter Kritik bestimmte Songsammlung über das Leben in Amerika zu machen. Das Publikum goutierte den Entschluss und sicherte der Band mit millionenfachem Plattenkauf und ausverkauften Tourneen ihre Rente.

Neil Young & Crazy Horse: Rust Never Sleeps

Wer sich nur eine Platte von Neil Young kaufen, aber dennoch wissen will, wozu der kanadische Ausnahmekünstler in der Lage ist, ist mit "Rust Never Sleeps" gut bedient. Zur Hälfte akustisch und zur anderen Hälfte hart elektrisch, offenbart die Scheibe Youngs ganze Songwriterkunst wie auch seine Fähigkeit, Lärm zu machen. Der Opener "My My, Hey Hey (Out Of The Blue") kommt als Coda mit dem umgedrehtem Titel "Hey Hey, My My (Into The Black)" wieder und wurde mit Zeilen wie "It’s better to burn out than to fade away" zur (missverstandenen) Hymne der Kompromisslosen und Verzweifelten. Der Satz fand sich auch im Abschiedsbrief von Kurt Cobain. Nebenbei demonstriert Neil Young, wie man mit minimaler Instrumentierung hoch komplexe Kunstlieder zum Besten gibt ("Ride My Llama") und wie eine nicht kitschige Abrechnung mit dem Genozid an den US-Ureinwohnern funktioniert ("Pocahontas").

Frank Zappa: Sheik Yerbouti

1979 war selbst für den hyperproduktiven Frank Zappa ein äußerst betriebsames Jahr, und so warf der Provokateur gleich fünf Alben auf den Markt. "Sheik Yerbouti" stach hervor, weil es mit "Bobby Brown" Zappas einzigen weltweit erfolgreichen Song enthält - weltweit mit Ausnahme der USA, Großbritannien und Australien, wo das Lied wegen "Obszönität" nicht im Radio gespielt werden durfte. Mit der Platte handelte sich Zappa auch Antisemitismus-Vorwürfe wegen des Tracks "Jewish Princess" ein. Wie es für Frank Zappa typisch war, verweigerte er jede Entschuldigung. Erwähnenswert ist neben der fantastischen Begleitband auch die wirklich lustige Bob-Dylan-Pa-rodie, die Zappa in den Song
"Flakes" einbaute.