Oxford hat nicht nur die unvergleichlichen Radiohead hervorgebracht, sondern auch die fabelhaften Ride. Das Quartett um die beiden musikalischen Köpfe Mark Gardener und Andy Bell brachte in den Neunzigern im Zweijahrestakt ein atemberaubendes Album nach dem anderen heraus. Mehr noch: Zusammen mit My Bloody Valentine und anderen Bands begründeten sie den intensiven Sound des Shoegaze: Ein ohrenbetäubender, massiver Wall-of-Sound aus verzerrten Gitarren, aber zugleich mit viel Gespür für liebliche Melodien, die gegen den Lärm ankämpfen.

"Going Blank Again" (1992) war das Meisterwerk von Ride. Der Opener "Leave Them All Behind" besteht aus acht Minuten reiner Gitarrendröhnung, ein langer musikalischer Trip zwischen Chaos und Schönheit, während man auf den anderen Stücken mal ein paar Gänge zurückschaltete oder ordentlich Gas gab, aber immer mit sicherem Gespür für verführerische Melodien. Ride hätten den großen Erfolg verdient, doch über ein gewisses kommerzielles Mittelmaß kamen sie nie hinaus.

Das führte zu immer stärkeren Spannungen zwischen den beiden Songschreibern Bell und Gardener. Man trennte sich und raufte sich wieder zusammen. Alben wie "Carnival of Light" (1994) und "Tarantula" (1996) probierten unterschiedliche Stilrichtungen aus, wobei oft tolle Songs herauskamen - aber kein Verkaufserfolg. Insbesondere "Tarantula" enthält mit Opener "Black Nite Crash" und "Sunshine/Nowhere to Run" fesselnde Songs, die den Ride-Sound mit Sixties-Einflüssen verbinden. Kleine Meilensteine. Aber zur Hochphase von Oasis interessierte das niemanden. Das Album war ein Flop. Und Ride am Ende.

Die Solowerke bzw. -projekte von Bell und Gardener im ersten Jahrzehnt nach 2000 waren leider allesamt ignorierbar. Das Ganze ist eben doch stärker als die Summe der Einzelteile. Das werden Bell und Gardener schließlich selber eingesehen haben, denn 2017 meldeten sie sich nach über zwanzigjähriger Pause mit dem wundervollen Album "Weather Diaries" zurück.

Neuerfindung

Das Comeback gelang nicht zuletzt aufgrund der richtigen Wahl der Helfer: Electronica-Producer Erol Alkan und Noise-Magier Alan Moulder, der wesentlich am Erfolg von My Bloody Valentine und The Jesus & Mary Chain beteiligt war, erwiesen sich als ein Dreamteam, das Ride half, sich neu zu erfinden: Man kann die Kontinuität des Bandsounds sofort erkennen, dennoch sorgen die elektronischen Elemente, die saubere Produktion und das raffinierte Songwriting dafür, dass die Ride des 21. Jahrhunderts so frisch und lebendig klingen, als ob die Jahrzehnte spurlos an ihnen vorbeigegangen wären. Unzweifelhaft ist "Weather Diaries" die Platte, die sie eigentlich in der zweiten Hälfte der Neunziger hätten machen sollen.

Doch egal, was zählt, ist, dass Ride nun mit "This Is Not A Safe Place" erneut ein phantastisches Album vorlegen. Wieder saß Alkan an den Reglern, was man etwa im instrumentalen Opener "R.I.D.E." hören kann, das nachfolgende "Future Love" klingt dann wie ein zeitloser Gitarrensong. "Repetition" hat einen insistierenden Elektrobeat als Grundlage, während "Fifteen Minutes" locker einer der besten Indie-Songs dieses Jahres darstellt.

In das leichtfüßige Stück brechen unvorbereitet immer wieder brachiale, verzerrte Gitarren ein, was das Grundprinzip des Shoegaze als Kollision aus antagonistischen Klangelementen für die Gegenwart adaptiert.

Rides Texte sind wie eh und je eher verrätselt-abstrakt, doch auf Songs wie der melancholischen Ballade "Shadows Behind The Sun" ist die depressive Gegenwartsdiagnose in Zeilen wie "This world breaks everybody now/ At the broken places be strong/ Many words without voices/ Echoes more lost than won" unüberhörbar.

Mit "This Is Not A Safe Place" haben Ride erneut ein reifes Album veröffentlicht, das sich aber hoffentlich nicht als ihr Alterswerk erweist, sondern als eine (Zwischen-)Station in einer Folge weiterer Platten. Denn so richtig scheint sich die Band erst jetzt, in ihrer zweiten Phase, gefunden zu haben.