St. Pölten. Dicke Krokodilstränen kullern an der glitzernden Wange eines blonden Mädchens mit geflochtenen Zöpfen hinunter. "Ich steh seit zwei Stunden da und jetzt verpass‘ ich trotzdem die Billie!". Ein weiteres Schluchzen folgt, bevor sie sich in Mitten einer langen Menschenschlange demonstrativ auf ihre zusammengerollte dunkelblaue ISO-Matte setzt. Die Ellenbogen werden auf den Knien abgestützt, mit den Händen verdeckt sie das tränenüberströmte Gesicht. Sie ist nicht die einzige, die kurz vor 18 Uhr einsieht, dass sie den Auftritt des Mega-Stars Billie Eilish am heurigen Frequency-Festival trotz teuer erworbenem Ticket nicht sehen wird. Zu viel Chaos herrscht beim Eingang, an dem die Papier-Tickets gegen die so begehrten Festival-Armbänder getauscht werden, sodass die Musikfans nicht einmal das Festival-Gelände betreten können. Da hilft auch sanfte Geste einer Freundin nichts mehr, die dem blonden Mädchen tröstend über den Rücken streichelt.

Glücklichere Fans (man könnte auch hingebungsvollere sagen, weil diese wohl noch einige Stunden mehr vor den Eingängen campierten) standen aber an diesem Donnerstag vor der gewaltigen Space-Stage, um keine Sekunde des Auftritts von der erst 17-jährigen Billie Eilish zu verpassen. Dass dem Frequency-Festival ein wahrer Glücksgriff mit der Musikerin gelungen ist, zeigt ihr früher Auftritt bei dem Musikspektakel. Denn als die Amerikanerin mit den grün-schwarz gesprenkelten Haaren in ihrem Sport-Outfit die Bühne betritt, brennt die Sonne noch heiß vom Himmel. Tausende Teeanger imitieren hier den düster-melancholischen Sprechgesang - es sind wesentlich mehr als diejenigen, die es ihnen später bei den Liebeshymnen von Headliner Sunrise Avenue gleichtun werden. Vielleicht weil Eilish mehr den Zeitgeist der Anwesenden trifft. Sie singt von Selbstzweifeln und Depressionen, zeigt auf dem großen Bildschirm ihr ungeschminktes Gesicht samt Pickel und kombiniert mit Leichtigkeit Pop, Punk und Rap. Während Schmusesänger Samu Haber erst fragt, wer denn das Festival für ein Date nutze, der könne doch im Anschluss gemeinsam im naheliegenden Zelt verschwinden. Peinlich berührte Teeanger starren zu Boden, viele sind nämlich in Beisein ihrer Eltern angereist, die viel mehr von der finnischen Band angetan zu sein scheinen.

Tyler Robert Joseph von der US-amerikanischen Band "Twenty One Pilots". - © APAweb/ APA/HERBERT P. OCZERET
Tyler Robert Joseph von der US-amerikanischen Band "Twenty One Pilots". - © APAweb/ APA/HERBERT P. OCZERET

Tourette-Syndrom und dennoch cool