Aktuell erinnert relativ wenig daran, dass der Mann seine Karriere mehr oder weniger als Solitär begonnen hat. Zumindest beruhte das im Jahr 2007 veröffentlichte Debütalbum "For Emma, Forever Ago" des US-Musikers Justin Vernon und seines Projekts Bon Iver auf der Tatsache, dass der Kern dieser von akustischer Lagerfeuergitarre und einer hohen Dosis Schmerzensgesang getragenen Musik einsam und allein in der Abgeschiedenheit einer Holzhütte im winterlichen Wisconsin entstand. Die gerne als "waidwund" (oh weh!), "fragil" (oje!) oder "hochemotional" (ogottogott!) bezeichneten Ergebnisse standen nicht nur synonym für ein Revival der Innerlichkeit, sie ergänzten auch ein Songwriter-Image zwischen erratischem Künstler-Ich und sensibler Musikerseele: Männer, die Gefühle haben.

Eine Neuinkarnation als Phil Collins 2.0 im Falle des von jedem Hipnessverdacht befreiten Songs "Beth/Rest" auf dem selbstbetitelten Nachfolgewerk von 2011 war eher Mitgrund als Hindernis dafür, dass Bon Iver zwei Grammys erhielten. Dass dies gegen Konkurrenz in Form von etwa Katy Perry oder Bruno Mars geschah, wurde als Siegeszug eines wie auch immer definierten Indie-Universums auf feindlichem Kommerzpopboden betrachtet.

Justin Vernon selbst setzte auf den Brückenschlag, drang über Kollaborationen mit Kanye West in Hip-Hop-Gefilde vor und fand im Binärsoulromantiker James Blake einen Bruder im Geiste. Er durchlebte nach den Grammys eine weitere Krise und setzt mit dem Album "22, A Million" im Jahr 2016 schließlich auf Selbstdekonstruktion. Zwischen Soundmutationen und -Manipulationen unter Zuhilfenahme eines Häckslers sowie mit verfremdetem Autotune-Gesang anstelle des einst zwischen grummelndem Grundbariton und Weltschmerz im Falsett wechselnden Frontvortrages war die Intention eines Abnabelungsversuches nicht von der Hand zu weisen.

Gemeinschaftlichkeit

Das zuletzt überraschend im Internet veröffentlichte neue Album, das für die Oldschool-Gemeinde ab kommender Woche auch in den Regalen stehen wird, verbindet das Schaffen beider bisher erlebten Juston Vernons. Es stellt Handwerk mit Bodenhaftung im Sinne der Tradition und des guten alten (Bauch-)Gefühls bei gleichzeitigen Nachwehen einer (spirituellen) Sinnsuche in der Gospelgeschichte also neben "Innovation" und modernen, elektronisch gezogenen Hybridsoul. Es wird die Fangemeinde nicht verstören und die Skeptiker nicht bekehren können. Der "Guardian" etwa schrieb in seinem Verriss von einer Mischung aus "weak melodies and bad poetry."

Der Albumtitel "i,i" (Jagjaguwar)verweist bereits auf die abermals anstehende Innenschau, die unter den Vorzeichen des Leids an den Verhältnissen und des Leidens an der Welt bei Bon Iver immer auch als "eiei!" verstanden werden könnte. Doch ausgerechnet mit diesem als "Herbstalbum" bezeichneten neuen Werk setzt Vernon zumindest über Strecken auf ungewohnt positive Klänge und Inhalte.

Erstere kippen vor allem im letzten Drittel nicht nur unisono mit mäandernden Saxofonsphären zart in Richtung Kitsch. Letztere sind, anders als auf dem Vorgängeralbum, dessen fehlendes Narrativ gut zur sonischen Verstümmelung passte, zumindest in Ansätzen wieder gegeben: US-amerikanische Verhältnisse werden angesprochen, der Klimawandel kommt vor, im anmutig-wehmütigen und hübsch berührenden "Hey, Ma" wird ein Rückblick auf die Kindheit gewagt. "Faith" ist eine händeringende Meditation über den Glauben. Und am Ende heißt es bei "Rabi" in beinahe verstörender Zuversicht: "Sun light feels good now, don’t it?"

Gut möglich, dass diese neue Zuversicht auch einer endgültigen Hinwendung zur Gemeinschaftlichkeit entsprungen ist. Der einstige Solitär Justin Vernon hat für "i,i" mit einer Armada an Kollaborationspartnern und Gästen gearbeitet und gemeinsam mit diesen eher auf improvisierte Jams als auf lineares Songwriting gesetzt. Neben Jenn Wasner von Wye Oak, Aaron Dessner von The National oder dem Young-Thug-Produzenten Wheezy ist diesmal auch Justin Vernons Buddy James Blake mit dabei.