Es beginnt mit einem gewaltigen Knall. Nach dem Start mit - ausgerechnet - der Feuerwerksmusik von Georg Friedrich Händel, im frühen 18. Jahrhundert zur Feier des Aachener Friedens und der Beendigung des Österreichischen Erbfolgekriegs komponiert, stellt die deutsche Band Rammstein zum Auftakt ihrer zweitägigen Machtdemonstration im Wiener Ernst-Happel-Stadion vor insgesamt 100.000 Besuchern am Donnerstag gleich einmal klar, wer hier das Sagen hat - und was die Hauptattraktion ist.

Noch bevor die erste Detonation samt Feuerstrahl und Funkenregen die Fische in der nahegelegenen Donau durchgegrillt und vermutlich auch noch oben im Weinviertel mit ihrer immensen Druckwelle für eine Vorverlegung der Traubenlese gesorgt hat, fahren unheilverkündende Schwaden aus Ruß und Rauch in den Himmel.

Reichsparteitagsdesign

Das ist zwar für die Feinstaubwerte in der Umgebung ein absolutes Desaster und lässt diesbezüglich sogar die OMV-Raffiniere in Schwechat eher blass aussehen. Für die Lungenflügel selbst aber ist es auch schon egal. Nirgendwo auf dieser Welt - außer vielleicht auf einer FPÖ-Wahlkampfveranstaltung in einem Bierzelt im Innviertel - wird heute noch dermaßen ausgiebig gepofelt wie auf einem Rammsteinkonzert. Ist so.

Es riecht nach Raucherkammerl, Dampflokomotive und einem Stahlwerk, das wegen einer Phase der Aufrüstung gerade Hochbetrieb hat. Dazu gibt auf einer Bühne im martialisch kessen Reichsparteitagsdesign Sänger Till Lindemann als Gröfaz den größten Frontmann aller Zeiten, zumindest, was eine vermutlich auf High-Carb-Diäten und gelegentliche Muckibuden-Besuche beruhende gewisse Hulkhaftigkeit in der Erscheinung betrifft.

Aus diesem Schrank von Mann heraus brummt und grummelt es im auf Grubenbariton gestimmten Deklamationsgebell nicht nur genial zum Fremdschämen gedeichselte Texte über den "Blitzkrieg mit dem Fleischgewehr" in einem Bett, das in Flammen steht - sowie über gute alte Kernthemen zwischen Nekrophilie und Kannibalismus. Auch optisch scheint der Mann liebend gerne Rache am guten Geschmack zu nehmen. Das aktuelle Bühnenoutfit beispielsweise dürfte im Amazonas erlegt, gehäutet und noch vor Ort zu einem exotischen Anzug im Neo-Kolonialstil verarbeitet worden sein. Hallo, welcher Schneider traut sich bei uns im Zeitalter der NGOs und schnell auf 200 befindlicher Grüninnen noch an die Verarbeitung vom Aussterben bedrohter Tiere im Reptilienlook?

Es detoniert vor sich hin

Gut passend zum wienerstädtischen Auftrittsort legen Rammstein dafür mit einer menschenfeindlichen Nummer los. Das gefällt uns. Man kennt sie von Fahrten mit der U-Bahn oder längeren Warteschlangen, die grantige österreichische Pensionisten inkludieren: "Ich kann auf Glück verzichten / Weil es Unglück in sich trägt / Dass ich froh bin, darf nicht sein / Nein!"