Saalfelden. Größer, länger, lauter: Das Jazzfestival Saalfelden hat seine 40. Ausgabe hinter sich, und es feierte das Jubiläum mit einem Wachstumsschub. Eine Reform ist ins Werk gesetzt worden: Das Konzertaufkommen, annähernd verdoppelt auf heuer rund 70 Termine, quoll über die bisher gewohnten Bühnen hinaus. Grünflächen, Geschäfte, auch Amtsräume wurden miteinbezogen, bildeten einen Speckgürtel der Gratiskonzerte rund um das Bezahlprogramm im Congress Saalfelden. Der Ehrgeiz des Intendanten hat diesen Angebotsdschungel wuchern lassen: Mario Steidl wünscht sich Saalfelden als künstlerische Begegnungszone. Als Ort, an dem Musiker Raum zum tönenden Spontan-Austausch finden. Und an dem nicht nur Fans, sondern auch Unbeleckte dem Jazz in die Arme laufen und in dieser Umklammerung betört verweilen wollen.

Verlässliches Highlight: Der US-Saxofonist Joshua Redman brillierte zum Abschluss des Jazzfestival Saalfelden. - © Matthias Heschl
Verlässliches Highlight: Der US-Saxofonist Joshua Redman brillierte zum Abschluss des Jazzfestival Saalfelden. - © Matthias Heschl

Flashmob am Klo

Schön gedacht, nur: Stellen sich in der Kleinstadtrealität dann tatsächlich solche Damaskuserlebnisse ein? Es fehlte jedenfalls nicht an Publikum, als Saxofonist Briggan Krauss am Samstag in der Buchbinderei Fuchs den herben Charme des Free Jazz verdeutlichte. Wirklich neu schien das aber kaum jemandem im Raum zu sein - einmal abgesehen von der prekären Sesselsituation.

Kontrabassist Lukas Kranzelbinder, vom Festival beauftragt mit der Durchführung spontaner Kurzkonzerte, trieb den Strategiewechsel auf eine seltsame Spitze. Er veranstaltete am Freitag einen Flashmob auf der Herrentoilette. Zwischen Schaulustigen und Pissoirs entstieß er sich im Bund mit Bassistin Beate Wiesinger Töne, die hier jedenfalls intim wirkten: Halliger Beifall, und vielleicht hat der eine oder andere an Arnold Schönberg gedacht: Der hat einmal gesagt, Kunst kommt vom Müssen.

Freilich: Nicht jeder Stammgast verbindet die Expansion mit einem künstlerischen Mehrwert. Und so mancher stieß sich am Programm der Hauptbühne. Die blieb zwar von Reformen unbehelligt. Einige Bands bombardierten einen hier aber so lange mit Free Jazz, bis das Ohr daran abstumpfte - und machten dann genau so weiter.

Immerhin: Manu Mayr, jung und szenebekannt dank Bands wie Kompost 3, hat heuer den Kompositionsauftrag ausgefasst und ihn am Freitag überraschend umgesetzt: Einmal kein Großaufgebot zur Eröffnung, sondern nur zwei Musiker. Und so kleinlaut! Mayrs Kontrabass und die Bassklarinette von Susanna Gartmayer wisperten einander Haltenoten mit viel Freude an Sekundreibungen zu. Allmählich kam Fahrt auf: Klangflächen schillerten, wenn Mayr Zupf- und Bogentechniken kombinierte; überhaupt klopfte er den Bass auf Möglichkeiten ab, stellte ihn in perkussive Dienste. Ein Programm, geprägt von atmosphärischen Inseln, aber auch Wiederholungsformeln der Minimal Music.

Feinsinn auch im Quartett von Pianistin Sylvie Courvoisier und Hochdruck-Saxofonist Ken Vandermark. Zwar lautete das Programm "Noise of our Time" und vermittelte sich gebührlich wüst. Hier und da aber blühten Oasen der Innenschau auf, wisperten Rätselmelodien aus dem Klavier: ein Wechselspiel der Extreme. Christian Muthspiel wiederum, Grenzgänger zwischen E und U, stellte sein Bigband-Projekt "Orjazztra Vienna" vor: Das strotzt vor Könnern wie Gerald Preinfalk, Lorenz Raab und Philipp Nykrin. Weil es denen aber weitflächige Soli gewährte, gerieten die fein-komponierten Stellen ins Hintertreffen: Zurück blieb ein Jazz-konventioneller Eindruck.

Späte Attraktionen

Am abschließenden Sonntag aber ein Anstieg der Leistungskurve: Mit einem Mal eine Konzertserie, die weder rasenden Stillstand bescherte noch andere angejahrte Konzepte. Glücklich, wer das Anna Webber Septet aus den USA gehört hat: Ebenso ausgestattet mit einem schrummigen Cello wie einem Holper-Schlagzeug, stellte es Kippeffekte zwischen Klangtumulten und choralartigen Passagen her. Théo Ceccaldi und Roberto Negro, ein Klavier-Violin-Gespann aus Frankreich, schwelgten in ungeahnter Möglichkeitsfülle: Die Geige irrlichterte zwischen Folkgefidel, Disko-Trance und Ekstasen der Marke Strawinski, das Klavier verblüffte durch kristalline Zartheit und Akkord-Lawinen.

Weltstar Joshua Redman setzte dem Abend verlässlich die Krone auf: Labyrinthische Notenketten, quetschige Spitzentöne und Wechsel vom Bebop zum Freistil unterstrichen den Ausnahmerang des US-Saxofonisten, während sein Quartett ein stimmiges Verhältnis zwischen Substanz, Show und Atmosphäre herstellte: Balance, die man auch Saalfelden wünscht.