Erstaunlicherweise ist Pop nur einmal auf halbwegs ernstzunehmende Weise totgesagt worden. Das geschah in einer Phase, die wir rückblickend seiner frühen Kindheit zuordnen können. Pop war, verstanden als Musik, die ungefähr mit den Beatles beginnt oder allenfalls zwei, drei Jahre davor, gerade mal um die zehn Jahre alt, als der 22-jährige britische Journalist und Autor Nik Cohn 1969 in seinem historischen Aufriss "Awopbopaloobop Alopbamboom" (original "Pop. From the Beginning") sein baldiges Verlöschen prophezeite.

Fälschlicherweise ist dieser Unkenruf oft als Schwanengesang auf jene Art von Pop gedeutet worden, die Cohn favorisiert hatte und Ende der 60er Jahre zunehmend von avancierten oder avanciert sein wollenden Formen wie Progressive- und Art-Rock zurückgedrängt wurde: die Musik der Teenager-Welten, die Musik der Del Shannons, Phil Spectors, P.J. Probys.

Cohn hatte jedoch eindeutig nicht eine spezifische Art von Pop-Musik gemeint, sondern die Gattung an sich. Das zeigte sich im Epilog der upgedateten Taschenbuchausgabe von 1971, wo Cohn einräumte, mit seinem Verdikt vom Tod des Pop falsch gelegen zu sein und proklamierte: "Pop lebt", indem er, sinngemäß verkürzt, darlegte, dass die steigende Gewichtung des Trägermediums Langspielplatte (gegenüber dem früher dominanten Medium Single) rückgängige Verkaufszahlen ausgleiche und also allemal genug Reibach in diesem Geschäft gemacht werde.

Monströse Bestseller

Zwischen damals und heute beschrieb Pop eine konjunkturelle Parabel, deren Scheitel die geschätzten 66 Millionen Verkäufe von Michael Jacksons Album "Thriller" und ähnlich monströse Bestseller wie das Greatest-Hits-Album der Eagles, Pink Floyds "The Dark Side Of The Moon", Fleetwood Macs "Rumours" oder der Soundtrack zu "Saturday Night Fever" definierten.

Dazu boomte Pop bei Meinungsbildnern, Trendschreiern, Geistesmenschen und Kulturschaffenden als begriffliches Synonym für Coolness/Sexyness: Alle Welt war Pop oder wollte es sein. Gerhard Schröder war Pop, Andreas Treichl war Pop, Birgit Minichmayr war Pop. Liesl Gehrer war Pop, Franzobel war Pop und so weiter ad infinitum (nur Lou Reed sagte 1994 in einem Pressegespräch im Salzburger Hotel Radisson zu mir: "Pop? Ich bin nicht Pop!"). Und jedes Blatt oder Magazin, das auf sich hielt, überschlug sich, um irgendeine historische oder kontemporäre Celebrity als "Pop-Star der Wissenschaft", "Pop-Star der Politik", "Pop-Star der Philosophie", "Pop-Star des Hundezüchtervereinswesens" usw. zu benennen.