Pop ist historisch im Wesentlichen von zwei Dingen befeuert worden: von seinem juvenilen Appeal sowie permanenten Erneuerungsschüben, die nicht nur musikalische Trends, sondern auch identitätsverbürgende Bindungen generiert, sogar Lebensstile und Moden beeinflusst haben. Die Konnotation als "Jugendkultur" starb spätestens in den 80er Jahren eines natürlichen Todes, als Pop die vierte Dimension in seinem Territorium nicht länger unsichtbar machen oder verschleiern konnte.

Veritables Vakuum

Also ließ er die Seniorität zunächst etwas peinlich berührt, zunehmend aber auch bewundernd (wg. Ausdauer, Hartnäckigkeit, "ihr Ding durchziehen") gewähren: Rollende Inkassounternehmen wie die Stones, große Sturschädeln wie Neil Young oder Bob Dylan, Individualisten wie John Cale und Scott Walker, wiederentdeckte Große wie Alex Chilton oder Outlaw-Legenden wie Johnny Cash.

Das Verhältnis von Erneuerungsschüben und ihrer gesellschaftlichen Wirkmächtigkeit ist etwas diffiziler. Bis in die frühen 90er Jahre, bis zur Grunge-Ära und der sich parallel vollziehenden Hochblüte der Hip-Hop-Kultur, war es noch halbwegs intakt. Ungefähr bis Grunge lässt sich die Entwicklungs-Wahrnehmung des Pop auch noch in einer vagen linearen Abfolge darstellen: Vom Rock ’n’ Roll der 50er Jahre über die britischen Beat-Gruppen der frühen 60er (und parallel dazu die Produktionen Phil Spectors und der Soul-Labels Motown und Stax) zum Hard-/Heavy-/Jazz-/Progressive Rock um die Wende 60er/70er, dann dem Glam-Rock in den frühen 70ern, Disco sowie Punk/New Wave ab den mittleren 70ern, Electro-Pop und New Romantics in den frühen 80ern, Rap/Hip-Hop ab Mitte der 80er und Hardcore/Grunge Ende der 80er/Anfang der 90er.

Nachdem aber die Industrie alle die eben noch von den Indies eingekauften lärmigen, in Holzfäller-Hemden gewandeten Rock-Acts ganz hastig wieder abgestoßen hatte, öffnete sich auf der Pop-Szene ein veritables Vakuum, in das alles und jeder hineinstoßen, aus dem sich aber nichts und niemand mehr entscheidend abheben konnte.

Popmusikalische Trends und Innovationen gab es natürlich weiter und gibt es bis heute jede Menge: Wir hatten Emo aus der empfindsamen Singer/Songwriter-Ecke, Chillwave als elektronischen Spiegel des gitarristischen Dreampop-Idioms Shoegaze. Wir hatten ein Soul-Revival mit musikalisch eher epigonalen, kommerziell aber sehr erfolgreichen Galionsfiguren wie Amy Winehouse und Adele. Wir hatten Balkan-Pop, wir hatten Freak Folk, wir hatten Post-Rock, Afro-Pop, Math-Rock. Verschiedene kontemporäre Adaptionen von Krautrock und Psychedelia. Dance-Pop Marke Hot Chip und LCD Soundsystem.

Auffällig und teilweise bemerkenswert war ein neuer Zugang zu klassischer Musik durch Acts wie Owen Pallett oder These New Puritans, der nichts mehr mit Klassik-Rock unseligen Angedenkens zu tun hatte. Einige Entwicklungen gingen sogar, wie Dubstep, Trip-Hop und Jungle/Drum & Bass, den klassischen Weg vom Underground-Phänomen in die Bereiche oder zumindest an die Ränder des Pop-Mainstreams. Und alle geistern sie, in unterschiedlicher und wechselhafter Sichtbarkeit, noch immer durch die Szene - aber keiner gelang und gelingt es, einen integrativen Sog zu entfachen.