Stattdessen hat ihre Vielzahl und -falt zu einer Art Verhüttelung der Pop-Musik geführt. Diese wiederum hat die Tendenz begünstigt, dass sich einzelne Stil-Fraktionen in ihren Nischen einigeln. Die daraus resultierende Unübersichtlichkeit wirkt wie eine Zentrifugalkraft, die alle aus der Bahn und aus dem Fokus bringt. Sie überfordert den "einfachen" Hörer wie sie eigentlich auch für Journalisten nicht mehr richtig zu bewältigen ist.

Fragmentierung

Gesegnet seien also die Wohltaten der Technologie. Grinst die Fratze des Unbekannten aus einer dunklen Ecke hervor, hilft ein Crash-Kurs bei YouTube, Spotify oder Wikipedia. Trotzdem wird die Zukunft des Pop-Journalismus wohl, wie es in Radio-Sendern wie FM4 seit jeher praktiziert wird, den Spezialisten gehören: Medien, die sich noch ernsthaft mit Pop zu beschäftigen gedenken, werden - natürlich nur, wenn sie sich so viele Kräfte auch leisten können/wollen - House-, Hip-Hop-, Metal-usw.-Experten anheuern. Klarerweise wird das alles die fragmentierte Wahrnehmung der Gattung Pop weitertreiben und weiter Leute auf der Strecke lassen.

Der Journalist und Musiker Robert Rotifer. - © Magdalena Blaszczuk
Der Journalist und Musiker Robert Rotifer. - © Magdalena Blaszczuk

"Vielleicht waren die Erneuerungsschübe, die jeweils weite Teile einer Generation erkennbar miteinander vereinten, eigentlich wichtiger als das wirklich musikalische Interesse", mutmaßte der Musiker und Autor Robert Rotifer 2011 in einer Korrespondenz mit mir. "Und jetzt, wo die Gleichzeitigkeit der Nischen und die Enttabuisierung aller Stile sich durchgesetzt hat, reduziert sich ihr Stellenwert immer mehr auf das eigentliche Hören. Und das spielt eben bei vielen Menschen in Wahrheit eine weit kleinere Rolle als es zur Blütezeit der Jugendkulturen erschienen wäre."

Schon 1969 räsoniert im Woodstock-Film ein Festival-Besucher, ob es wirklich die Musik per se ist, die 400.000 Menschen auf einer Farm in Upstate New York zusammengetrieben hat. "Ich glaube nicht, dass Musik eine so große Bedeutung hat", meint der Woodstock-Zeuge.

Heute wissen wir ja, was die Bedeutung von Woodstock ausgemacht hat. Im Wesentlichen das: Eine Masse von Leuten kam zusammen, feierte ein Wochenende Auszeit von der Gesellschaft und sich selbst ab. Am Montag, 18. 8., waren sie zurück in der Arbeit oder in der Schule, weshalb Headliner Jimi Hendrix seine Deutung der amerikanischen Hymne bei Tageslicht vor ein paar zigtausend im Gatsch und Müll Versprengten spielte. Und das immerhin kann die einstige Leitkultur Pop heute noch hergeben: Ein paar Stunden/Tage Ausbrechen aus dem Alltag. Träume von politischem und sozialem Einfluss haben aber selbst Pop-Utopisten schon lange verabschiedet.

Wie ohnmächtig Pop geworden ist, zeigte sich spätestens 2004, als eine Front angesehenster nordamerikanischer Songwriter wie Springsteen, Mellencamp und Young plus Bands wie Green Day, The Offspring, Dixie Chicks oder Sum 41 gegen George W. Bush mobil machte und nicht dessen Wiederwahl verhindern konnte. Ebenso wenig half 12 Jahre später Hillary Clinton die Unterstützung durch Madonna, Katy Perry, die Carter Family (Jay-Z & Beyoncé), Bruce Springsteen, Jon Bon Jovi und Lady Gaga gegen Trump. "Wie sich das Politische durch die sozialen Netzwerke verändert hat" schrieb die "Welt", "ist Popmusik im digitalen Zeitalter nicht mehr die Tonspur dieser Welt, sondern ein Seitenarm des Stroms zur täglichen Zerstreuung."