Headlines adaptierten oder paraphrasierten gerne Titel und/oder Catch Phrases meist angloamerikanischer Pop-Hits (deutschsprachige Songs geben mit der bedingten Ausnahme des feuilletonistisch eher nicht gern zitierten Schlagers ziemlich selten griffige Slogans her bzw. sind solche öfters auch recht lang wie "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein" oder "Von der Unmöglichkeit Nein zu sagen, ohne sich umzubringen").

Mit 749 physischen Tonträgern an der Spitze der Billboard-Charts: US-Rapper A Boogie Wit Da Hoodie. - © Curtis Huynh for The Come Up Show
Mit 749 physischen Tonträgern an der Spitze der Billboard-Charts: US-Rapper A Boogie Wit Da Hoodie. - © Curtis Huynh for The Come Up Show

Mit den sattsam bekannten digitalen Umwälzungen sind wir am flachen Ende der Parabel angelangt. Nr.-1-Alben in den USA und sonstwo überbieten sich in rapider Abfolge mit neuen Verkaufs-Minusrekorden. Anfang dieses Jahres (2019) setzte der Rapper A Boogie Wit Da Hoodie von seinem Album "Hoodie SZN" an der Spitze der Billboard-Charts heiße 749 physische Tonträger ab und kam, weil über Koeffizienten längst digitale Streams und Downloads eingerechnet werden, auf ein Äquivalent von auch nicht berauschenden 56.000 Einheiten. Im Sommer 2018 genügte dem Rapper und R&B-Sänger Drake mit seinem Album "Scorpion" sogar ein Äquivalent von knapp 29.000 verkauften Einheiten in der VÖ-Woche, um auf seine Mitbewerber in den US-Charts von oben herabzuschauen.

Zeitlich parallel mit dem ökonomischen Abschwung - aber nicht allein durch diesen verursacht - hat Pop auch massiv an ideeller Strahlkraft eingebüßt. Nirgendwo mehr werden Personen des öffentlichen Lebens mit Pop-Appeal aufgewogen. Donald Trump mag zwar aussehen wie die Karikatur eines Pop-Art-Porträts, ist aber definitiv alles andere als Pop. Diese Exklusion gebietet allein der gute Geschmack und ein Rest von Respekt vor der Gattung. Donald Trump ist Privatfernsehen, ungefähr RTL II. H.C. Strache, der sich einstens gern als Rapper in Pose geworfen hat, ist Bierzelt. Überhaupt: zu diesen ganzen rechtspopulistischen Bonzen in Mittel- und Osteuropa passt Pop nicht (auch wenn man sich durchaus gut irgendwas der Preisklasse Scooter als Soundtrack zu ihren Selbstinszenierungen vorstellen kann). Auch Sebastian Kurz ist nicht Pop, sondern die Blockflöte bei der Familienjause am Pfingstmontagnachmittag.

Juveniler Appeal

Unmittelbar wichtig ist Pop nur mehr in einem rein utilitaristischen Sinn: als Beschallung von Supermärkten, Arztpraxen, Restaurants etc., die Kunden bei Laune halten bzw. zum Konsum anregen will.

Nicht dass dabei so eklatant unsubtil zu Werke gegangen würde, wie es gemeinhin unterstellt wird - wie Diedrich Diederichsen bereits 1998 in seinem Essay "Pop-Musik als umgestülpte Urbanität: Inner Cities und Inner Spaces" festgestellt hatte, werden auf die jeweilige Location sorgfältig spezifische Songs abgestimmt, "die aber eine Mehrheit kennt, mit denen die einzelnen eine wie auch immer bewusste Geschichte verbinden, eine individuelle Geschichte." Da wandern private Affekte in die öffentliche Sphäre, man fühlt sich, um noch einmal Diederichsen zu zitieren, "als Individuum angerufen". Dann kauft man schon mal in einer Boutique einen Fetzen, den man sonst nicht einmal angeschaut hätte. Pop-Musik als Lebensbegleiter, als Soundtrack unserer Biographie(n) aber ist ein Liebhaberphänomen geworden.