"Ich fühle in mir meinen alten Vorbehalt gegen die Jugend: Man muss ihr nur die passende Musik vorspielen, schon ist sie begeistert." - Wilhelm Genazino, "Das Glück in glücksfernen Zeiten"

Selten waren wir stolzer auf unseren Vater, als wenn er leicht beschickert vor den Augen der versammelten Siedlungsjugend seine berühmte alljährliche Silvester-Show abfeuerte.

Die Pyrotechnik-Darbietung beruhte ausschließlich auf der Kombination der Elemente "Schweizer Kracher" und "Zeug, das Mutter am Altjahrstag nicht rechtzeitig weggeräumt hat". Der Vater jagte also scheppernde Farbkübel in die Luft, zerfetzte den Eisbergsalat im Garten und sprengte das OÖN-Postkastl. Die Vorstellung kulminierte stets darin, dass er gleichzeitig zwei Kracher anrieb, in die Mülltonne warf und sich selbst schnell auf den Deckel setzte. Da er schon damals sehr leicht war, hob es ihn bei der Detonation zu unserem Gaudium hoch in die Luft. Geschwister habe ich nach diesen Anti-Las-Vegas-Shows keine mehr bekommen, aber das ist nur eine billige Pointe, passiert ist ihm nie etwas.

Der Musikprofessor

Selten hatten wir es in der Unterstufe lustiger als in den Wochen, als uns der Musikprofessor in seinen Kreuzzug einweihte. Pädagogisch entfacht scherte er aus dem Lehrplan aus und setzte sein eigenes Anliegen auf die Agenda. Es ist ein hübscher Zufall, dass dies im Erscheinungsjahr der "Lauter Lärm"-Anthologie (1994) geschah. Wir lernten also, dass musikalischer Lärm wie ein Rauschmittel wirke, dass wir "walkman-süchtig" seien und dass der Lärm in der Voest um das Vierfache leiser sei als der in einer "Top-Disco".

Eine seiner Testfragen ging so: "Rockmusik, kombiniert mit Lichteffekten, hat eine Vergewaltigung des Bewußtseins zur Folge: Erläutere dies an je einem Beispiel." Meine Antworten aus dem Jahr 1994 sind mir nicht mehr erinnerlich, der Herr Professor hatte uns aber Passagen aus "Wir wollen nur deine Seele. Rockmusik und Okkultismus", "Bielefeld: Christliche Literatur-Verbreitung 1987 (5. Aufl.)" zur Vorbereitung kopiert. Darin steht zu lesen, dass auch durch die Manipulation durch Lichteffekte "alle moralischen Barrieren niedergerissen" würden.

Vielleicht haben wir Heavy Metal nie mehr geliebt als im Jahr 1994. Nirvana war uns nach "MTV Unplugged" bei aller Liebe bald zu soft, Soundgarden, Therapy? oder Pearl Jam fanden wir recht ok. Wirklich gut fuhren aber Pantera, Machinehead oder die Rollins Band. Ich investierte meine 300 Schilling Taschengeld in "Born Dead" von Body Count und "Betty" von Helmet. "Burn my Eyes" ließ ich mir vom Gadermeier Bert - er war der schwermetallene Trendsetter der Klasse - auf MC überspielen. Obituary fand ich aufregend, aber fast schon zu wild. Als eines Tages der Bert mit einem "Deicide"-T-Shirt in die Klasse kam und sich darin seelenruhig im Religionsunterricht zum Morgengebet erhob, war uns ein ewiger Held geboren.