Irgendjemand hat das einmal gesagt: Während Berlin die Stadt der Psychose ist, wo, wenn jemand etwas hat, ihm die Sicherungen gleich so richtig durchbrennen, muss man sich Wien als Welthauptstadt der Neurose vorstellen. Jeder hat ein bisserl was. So richtig gar nichts hat niemand. Man muss nur im Stiegenhaus, auf der Straße oder in der Tramway genau genug hinschauen und beim Brandineser zumindest noch ein halbes nach Schlaganfall aussehendes fades Aug offenhaben, um das zu bemerken.

Zwischen tschecheri und tschechera, Katerstimmung und (Sonntags-)Depression, einer schwarz wie ein Trauerflor über der Stadt liegenden grundsätzlichen Sehnsucht nach dem Letzten inklusive dem Zentralfriedhof und olle seine Toten, geht es in erster Linie bipolar zu. Vor dem schwarzen Loch ist also immer noch ausreichend Zeit für eine Wahnsinnshetz und einen Mords-Duliö. Nach der Heurigenseligkeit mit Spritzwein und "Haaaalloo!" kann man es dann ja immer noch mit Wolferl Ambros halten: "Wem heut net schlecht is . . ." Der klassische Austropop war immer sehr gut darin, diesen Zustand zu beschreiben - und ihn auch vorzuleben.

Die Wiener Band Wanda ist nicht erst seit ihrem Debütalbum "Amore" aus dem Jahr 2014 definitiv in Wien daheim. Und sie ist seit spätestens damals sehr konsequent immer entweder himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt wie gleichzeitig auf den Spuren des klassischen Austropop unterwegs. Das Wort Schnaps kommt in den Songtexten vor. Und dazwischen lauert das Nichts. Das Nichts wird von Wanda aber gleich wieder vernichtet, weil es sowieso nicht viel hergibt. Warum sich auf weniger als wenig beschränken, wenn man nichts weniger als alles will, weil man sich beim Ausloten der Extrempole zumindest noch spüren kann?

Frauen, die Schatzi heißen

Nach der Wiederholung des außer Hits nur Hits beinhaltenden Debütalbums unter Zuhilfenahme einer Brechstange auf dem Nachfolger "Bussi" mit seinen Ö3-Blockbustern "1, 2, 3, 4" und "Bussi Baby" im Jahr 2015 sowie dem 2017 leicht ausnuancierten, auf melancholische Schlaglichter zurück in die Kindheit setzenden "Niente" mit seinem Hitradiohit "Columbo" turnen es Wanda also auch auf dem kommende Woche erscheinenden neuesten Streich mit dem Titel "Ciao!" (Universal Music) wieder vor: Wandamusik ist Musik, die nach Wanda klingt, auch wenn sie heute zwischendurch kurz beim Dub-Wave von The Police andocken darf ("Ein komischer Traum"), auf Lennon-McCartney-Harmonik setzt ("Vielleicht") oder an David Bowie und seinen mit Heurigenstreichern in den Orbit geschossenen "Man Who Sold The World" ("Nix reparieren") erinnert.