Wer sich einen kurzweiligen Überblick über die US-amerikanische Gesellschaft und ihre Mentalität verschaffen will, der ist immer noch gut beraten, durch das Werk von Norman Rockwell zu blättern. Der Illustrator hat 40 Jahre lang das Titelbild der "Saturday Evening Post" gestaltet - mit ölbildhaften Szenen aus dem Leben von Oregon bis Maine. Detailreich, ein bisschen kitschig, mit liebevoller Ironie. Ein Postler und ein Bursche, der von zuhause weggelaufen ist, inklusive auf einen Stock gebundenes Binkerl, von hinten in einem Diner zum Beispiel. Oder eine Frau, die zusammen mit ihrem Enkel das Gebet vor ihrem Essen spricht, während zwei junge Männer unbeeindruckt daneben mit lässiger Zigarette im Mund in einer Zeitung lesen. Dieses Bild, "Saying Grace", wurde vor wenigen Jahren um 46 Millionen Dollar versteigert - und zementierte so auch einen fixen Platz für Rockwell am Kunstmarkt. Wenn er auch in der Kunstgeschichte immer noch ein wenig scheel angesehen wird.

Ohne Zynismus

Lana del Rey, 34-jährige Kalifornierin mit entschleunigtem Pop. - © Pamela Cochrane
Lana del Rey, 34-jährige Kalifornierin mit entschleunigtem Pop. - © Pamela Cochrane

Freilich, wenn man dieser Tage "Norman Rockwell" in Google-Bilder eingibt, schummelt sich eine junge Dame darunter: Popsängerin Lana del Rey hat nämlich ihr neues Album "Norman Fucking Rockwell" genannt. Der Titelsong handelt von einem prätentiösen Dichter, der sich darüber beschwert, dass die Nachrichtenlage seine Kunst schlechtmacht. Del Rey bezieht sich auf Rockwells Image als Bilderlieferant für den "Amerikanischen Traum". In einem Interview erklärte sie das so: "Das Lied ist so etwas wie ein Rufzeichen. Das ist also der Amerikanische Traum heute. Wir werden zum Mars fliegen und Trump ist Präsident. Ich sehe das nicht zynisch, eher hoffnungsfroh, man muss alles auch immer ein bisschen mit Humor sehen." Wo sie nun wiederum auch mit Rockwell übereinstimmt.

Im Formatradio derzeit in Dauerschleife zu hören ist ihre Coverversion einer Coverversion von Gershwins "Summertime": "Doin’ Time" von der US-Band Sublime aus den 90ern. Sie klingt, wie alle Lana-del-Rey-Lieder klingen - wie ein Musik gewordener Schlafzimmerblick. Das Album hat sie zusammen mit dem Hitproduzenten Jack Antonoff eingespielt, der auch schon für Lorde und Taylor Swift gearbeitet hat. Sie haben wieder eine Klangwolke geschaffen, die sich melancholisch über einen legt an einem heißen Spätsommernachmittag, der sich schon auf einen Abendregen freut. Del Reys unverwechselbar hauchende Stimme wogt durch die Songs, die mit ihrer Entschleunigung durchaus aus dem Pop-Mainstream herausstechen. Kalifornien ist immer noch ihr schummriges Epizentrum, aber auf diesem neuen Album erarbeitet sich del Rey ein neues Image. Die Bezüge in die Welt der Kunst erschöpfen sich nicht im Titel, sie bezieht sich auch auf die feministische Dichterin Sylvia Plath. Daneben gönnt sie sich auch unmissverständliche Wortspiele wie in "Venice Bitch". Die ihr oft attestierte Rückwärtsgewandtheit, modisch retro genannt, findet sich in "Norman Fucking Rockwell" nur im musikalischen Subtext. Wie sehr sie im Heute ist, zeigte auch die schnelle Reaktion auf die Schießereien in El Paso und Dayton. Nur vier Tage danach veröffentlichte sie den Song "Looking for America", ein Traum von waffenfreien USA. Auf dem neuen Album ist er nicht - dafür war er wohl zu naiv.