Auf dem Albumcover sieht man den 72-jährigen Proto-Punk vermutlich wieder in seinem bevorzugten Outfit, also oben ohne. Wobei man das diesmal so genau eigentlich gar nicht sagen kann. Es könnte auch sein, dass der Mann, der da nachdenklich im Halbdunkel durch das Meer spaziert, sich der Freikörperkultur etwas ausgiebiger widmet. Wer die Ausstellung "Iggy Pop Life Class" mit Ergebnissen aus einem Aktmalkurs mit besagtem Iggy Pop als Model im New Yorker Brooklyn Museum gesehen hat, wäre zumindest nicht überrascht.

Erstaunlicher war da schon eher das Selbstporträt als textilbefreiter "alter weißer Mann", das der als James Newell Osterberg Jr. geborene US-Musiker mit Alterssitz in Miami im Vorjahr auf der EP "Teatime Dub Encounters" gemeinsam mit den Kollegen von Underworld von sich gezeichnet hat: Es sei heute schwieriger, frei und vor allem Iggy Pop, also der Mann mit ohne Oberbekleidung zu sein: "Cause nobody loves a jerk: Get your shirt!" Dazu kamen Songs, in denen es nicht nostalgisch-wehmütig, sondern ziemlich witzig etwa auch um jene goldenen Zeiten des Rock ’n’ Roll ging, in denen man im Flugzeug - selbstverständlich! - noch rauchen durfte.

Der Mann, der wie Shrek klingt

"Free"-Albumcover.
"Free"-Albumcover.

Davor wiederum, im Jahr 2016, hat uns einer der intensivsten Live-Performer aller Zeiten noch einmal mit einem waschechten, von Josh Homme von den Queens Of The Stone Age produzierten Rockalbum mit dem Titel "Post Pop Depression" beschenkt, das eine Phase kontrastierte, in der Iggy Pop ab Ende der Nullerjahre auf den Arbeiten "Préliminaires" und "Après" ins Rotweinjazzige gekippt war und Chansons interpretierte. Ein grandioses, rohes und Hüftproblemen zum Trotz ungebrochen hochenergetisches Konzert im Rahmen des "Rock in Vienna"-Festivals auf der Donauinsel bündelte im Sommer 2016 alle Kernkompetenzen. Es stand aber bereits im Gegensatz zu den Inhalten der neuen Songs, in denen Iggy Pop den Wunsch nach einer Ruhepause für seine müden morschen Knochen artikulierte und sich ins "American Valhalla" wünschte.

In eine ähnliche Kerbe schlägt nun auch "Free" (Caroline/Universal), dessen Stücke eher als Meditationen daherkommen und mit denen Iggy Pop auch die Erschöpfung nach seiner bisher letzten Konzertreise reflektiert. Über den fesselnden, erzählerisch eingesetzten Grummelbariton, der vor allem den Schlussteil des Albums bestimmt, meinte der Sänger zuletzt in einem Interview mit dem "New Yorker" erschrocken, dass er seiner Stimme den Verfall und die Endlichkeit bereits anhören könne. Außerdem klänge er wie Shrek, das beliebteste Sumpfmonster des Universums (was für die Zielgruppenerschließung ja durchaus ein Vorteil sein könnte). Nicht nur Songs wie "Do Not Go Gentle Into That Good Night", die Vertonung eines agonischen Gedichtes von Dylan Thomas, spiegeln eine Vorahnung des nahenden Endes, wie man das auch aus der Spätphase von Johnny Cash, Leonard Cohen oder Iggy Pops altem Verbündeten David Bowie kennt.

Spirituelle Gefühle

Dass es um James Osterberg allerdings noch nicht so schlimm stehen dürfte, lassen jene musikalisch, nun ja, nicht ganz so zwingenden neuen Songs erahnen, in denen etwa Faith Vern, die Sängerin der Indie-Band Pins aus Manchester, zur heiteren Rollenumkehr lädt ("She wants to be your James Bond!"), während Iggy Pop im Schelmenstück "Dirty Sanchez" über Internetpornos und Geschlechtsteile schwadroniert.

Gemeinsam mit dem New Yorker Jazz-Trompeter Leron Thomas und Gitarristin Sarah Lipstate alias Noveller setzen zentrale Stücke wie "Sonali", "Page" oder "Glow In The Dark" hingegen auf ein spirituelles Grundgefühl der Transzendenz. Jazz-Tröten zaubern nebulöse Atmosphären in ein arty bis esoterisch gezeichnetes Klangbild. Verwaschene Ambient-Sounds bahnen sich ihren Weg.

Näher an "Post Pop Depression" steht nur das knochentrocken gegebene "Loves Missing" mit seinem dynamischen Schlagzeuggeschwurbel, ehe mit Iggy Pops Lou-Reed-Vertonung "We Are The People" der Anfang vom Ende beginnt: Der Dreierblock zum Abschluss lotet die Freiheit als Sprechstück aus. Es wird zappenduster und endet doch im Morgengrauen. Iggy Pop überwindet die Dunkelheit hier auch klangmetaphorisch und verabschiedet sich mit letzten Worten, die wir als letzte Worte definitiv nicht akzeptieren können: "If all fails / It’s good to smile in the dark."