"Sie sieht ihn nicht an / Er will, dass sie muss / Sie tut es, ohne zu sehen" - einem womöglich eher komplexen zwischenmenschlichen Sachverhalt im Grau- und vor allem Grenzbereich zwischen Unterdrückung, Unterwerfung und Obsession hat die Band vor einem Jahr gleich mit ihrer ersten Single ("Begierde/Scham") den nötigen Platz eingeräumt. Wobei der nötige Platz im Pop bedeutet, dass Erratisches durchaus erratisch bleiben darf, während man es - wie im konkreten Fall - während einer Spieldauer von nur 3 Minuten und 17 Sekunden trotzdem auf den Punkt bringt. Der Wiener Band Culk um Sängerin Sophie Löw ist dieses Kunststück gelungen.

Neun Monate nach dem selbstbetitelten Debütalbum, das unter dem Motto "Come closer and bleed" und in seiner dem Post-Punk-Genre geschuldeten Neigung zum Weltschmerz durchaus dorthin ging, wo es wehtut, wird das Quartett nun konkreter. Der neue Song "Ruinen" erzählt die Geschichte einer (Selbst-)Wahrnehmungsmetamorphose vor #MeToo-Hintergrund. "Er wusste, wer er war, wusste genau, wer er war / (. . . ) Sie war neu in der Stadt, brauchte die Stelle und er kannte und verkannte seine Stellung." Macht, Missbrauch, Machtmissbrauch.

Die Wahrnehmungsmetamorphose, die jetzt auf dem Außenblick beruht und Fragen an den Akteur, den Täter aufkommen lässt ("Wer bist du / Bist du deine Gedanken / Bist du deine Geschichte / Bist du Höhe- oder Tiefpunkt / Erzähle mir, was bleibt"), wird auch musikalisch gespiegelt. Der Song mutiert, variiert sein Motiv und lotet jede Form von Dynamik in diesmal 3 Minuten und 41 Sekunden aus, ohne gedrängt zu wirken. Dringlich ist er sowieso.

Im gegen den Strich gebürsteten Schlussteil wird die Wahrnehmungsfrage vor der direkten Konfrontation auch an Dritte gestellt. Das könnten mögliche Zeugen, Schöffen oder wir, das Fälle aus der Ferne beurteilende Publikum sein: "Wer ist er jetzt / Wer war er davor / Und wer war er danach / Wer bist du jetzt?" Ob die hüftschwingende Maskenfigur, die "ihn" im Musikvideo verkörpert, nur zufällig an die Gekreuzigten in David Bowies "Blackstar"-Video erinnert, ist nicht überliefert.