Ein "Nipplegate" konnte auf dem aktuellen Albumcover gerade noch verhindert werden, was vor allem der Verbreitung auf dem US-Markt geschuldet sein dürfte. Der Rest ist eine Frage der Aufmerksamkeitsökonomie und bringt es mit sich, dass die 27-jährige britisch-amerikanische Songwriterin Charlotte Emma Aitchison alias Charli XCX ungefähr so viel anhat wie Miley Cyrus einst im "Wrecking Ball"-Video oder Erwachsenenfilmdarsteller an einem durchschnittlichen Arbeitstag, also im Wesentlichen überhaupt nichts.

Im Musikvideo zur Single "Gone" hingegen hat Charli XCX noch etwas an. Auch nicht besonders viel zwar, diesfalls im Duett mit ihrer französischen Popstarkollegin Héloïse Adelaïde Letissier alias Christine And The Queens aber zumindest aus inszenatorisch gewissermaßen argumentierbaren Gründen. Immerhin wird in strengen schwarzen Sadomaso-Outfits an die Motorhaube eines PKW gefesselt vor allem über Beklemmungs- und Angstzustände gesungen. Das ist eine Metapher. Man muss das verstehen. Nicht alles kann immer so frei von der Leber weg schnörkellos und direkt auf die Zwölf gehen wie eines der ersten künstlerischen Lebenszeichen der Sängerin gemeinsam mit dem schwedischen Duo Icona Pop in Form der pubertär-renitenten Single "I Love It", an der es im Jahr 2013 in den Filialen der globalen Textildiskonter kein Vorbeikommen gab, Stichwort Shopping als emotionales Erlebnis: "I threw your shit into a bag and pushed it down the stairs / I crashed my car into the bridge / I don’t care, I love it!"

Der Karrierestart als Solo-Act wiederum blieb mit dem Album "True Romance" von 2013 kommerziell hinter den Erwartungen zurück. Ein "Punk"-Pop-Update mit Scheißdrauf-Attitüde bedeutete auf "Sucker" ein Jahr später unterhaltsame Gebrauchs- und Partymucke. Wobei Texte wie "I don’t wanna go to school / I just wanna break the rules" schon 1972 nicht gut waren, als sie von Alice Cooper (der am kommenden Montag übrigens in der Wiener Stadthalle auf der Bühne stehen wird) so ähnlich, nur mit schlechterem Make-up gesungen wurden.

Eine gewisse Zerrissenheit

Dazwischen und danach war Charli XCX immer etwas schwer greifbar. Sie hatte mit "Fancy" gemeinsam mit Rapperin Iggy Azalea einen Riesenhit, schrieb schnöden Mainstreampop für Selena Gomez oder Shawn Mendes und Camila Cabello, wurde 2017 zur Autorin für Debbie Harrys Punk- und New-Wave-Faktotum Blondie und leistete sich im selben Jahr auf dem Mixtape "Pop 2" unter eigenem Namen einen auf mehr Artyness gepolten Modernisierungsschub.

Das sogenannte "Pop-Chamäleon" David Bowie wurde von Charli XCX (übrigens neben Kapazundern wie etwa den Spice Girls) gerade in seiner Wandelbarkeit als Vorbild genannt, wobei anzumerken wäre, dass Bowie während seiner Imagewechsel bereits als Marke unverkennbar war, während man ohne entsprechendes Wissen eher nicht auf die Idee kommen würde, dass die 2013er- und die 2018er-Charli-XCX überhaupt ein und dieselbe Person sein könnten.

Eine gewisse Zerrissenheit merkt man auch den 15 neuen Songs des nun vorliegenden dritten Studioalbums von Charli XCX an, das zwar den Titel "Charli" (Warner) trägt, aber gemeinsam mit elf (!) Produzenten entstanden ist, außerdem mit bis zu acht Autoren pro Song auffällt und zahlreiche Kollaborationen mit Bands wie Haim oder Sängerinnen und Rapperinnen wie Sky Ferreira oder Lizzo inkludiert. Zwischen dem einen oder anderen Schmachtfetzen, der vor allem die unendlichen Weiten des Halls auslotet und mit Drumsounds auffährt, die aus dem Nachlass von Prince stammen dürften, und durchgehend mit Vokaleffekten und Autotune belegten Gesangsspuren, stellen nicht zuletzt die beiden Songs "2099" (Vorwärts in die Vergangenheit!) und "1999" (Zurück in die Zukunft!) den Wegweiser, der in zwei Richtungen zeigt.

Wo Charli XCX ihre Nostalgie festmacht und dass sie ausgerechnet dann sehr wehmütig wird, wenn sie an die Backstreet Boys, Britney Spears und den "Titanic"-Soundtrack denkt, ist für uns tatsächlich in den 90er Jahren Aufgewachsene allerdings ein echter Skandal. Hallo, wir erinnern uns noch genau!