Gerade erst ging wieder ein Stück der 1980er Jahre dahin. Mit dem Eintritt der Ersten Allgemeinen Verunsicherung in den Ruhestand ist zumindest aus österreichischer Sicht allerdings insofern von einem Happy End zu sprechen, als der inländische Zug zum Nix hackeln und endlich ana Ruah erfolgreich in die wohlverdiente Pensi gerettet werden konnte.

Nicht dass man sich etwa das alte Funk-Springinkerl Prince als Opa hätte vorstellen können, der die jungen Leute von heute maßregelnd durch die Fußgängerzone zieht oder im Park Tauben vergiftet. Das Recht, es gegen den Widerstand der blutsaugenden Musikindustrie und nach Nachschub gierender Fans einmal wie die STS zu machen, also irgendwo am Strand, a Bottle Rotwein in der Hand, schlicht und ergreifend Nein zur Hektomatikwelt zu sagen, hätte man ihm aber von Herzen gegönnt. Doch Prince ist tot. George Michael auch. Michael Jackson sowieso. Das von Kraftwerk einst hübsch besungene Neonlicht wurde gegen stromsparende LED-Spots getauscht, Vokuhilas sind out - und wer würde im Jahr 2019 bitteschön noch stundenlang im Wohnzimmer abhängen, um auf einem statisch herumstehenden Telefon nicht einmal Candy Crush spielen zu können? Was soll das überhaupt sein, "Internet"??

Stoak wie a Felsen

Zum Glück für den Verein der Freunde der 80er Jahre aber gibt es Ankathie Koi. Die aus Burghausen im Landkreis Altötting stammende Sängerin und Songschreiberin mit Wahlheimat Wien ist noch nicht alt genug, um wie die EAV in die Pensi zu gehen, und dafür stoak wie a Felsen, wenn es darum geht, das neumodische Zeugs von heute nicht einmal zu ignorieren. Immerhin wird hier zwischen Föhnwelle, Paillettentop und Spandexhose als bis hinunter zum kleinen Zeh im Retrolook durchgestyltes Gesamtkunstwerk nicht nur über die Bühne getänzelt. Gerade auch in den Musikvideos findet die Kunst des Wiederauflebenlassens einer Ära ganz zu sich selbst.

"Prominent Libido"-Albumcover.
"Prominent Libido"-Albumcover.

Zur Bewerbung des nun vorliegenden zweiten Soloalbums mit dem Titel "Prominent Libido" (Radicalis/The Orchand/Soulfood) sieht man die Sängerin aktuell nicht von ungefähr etwa in der Manier eines Jump-And-Run-Games mit Cat Content in einem alten Atari-Computer - sowie im Fall der mit dem Bilderbuch-Produzenten Sebastian "Zebo" Adam aufgenommenen Single "Royal Boy", mit der selbstverständlich nicht klein Archie gemeint ist, im alten "Herzblatt"-Studio aus dem Jahre Schnee. Auch Rudi Carrell lebt übrigens nicht mehr, dafür erscheint am Freitag ein neues Album von Rainhard Fendrich.

Es annielennoxt

Nach einer Vorkarriere mit ihrer Band Fijuka und dem Debüt als Solokünstlerin mit "I Hate The Way You Chew" von 2017 klopfen bei Ankathie Koi mit eineinhalb von Patrick Pulsinger produzierten Vorahnungen eines Technobeats heute zwar auch die 90er Jahre vorsichtig an die Tür, deren Mehrwert als nostalgisches Kapital bekanntlich langsam im Steigen ist - siehe dazu auch Charli XCX und ihre aktuelle Single "1999" über Sehnsucht nach den Backstreet Boys. Die Kernkompetenz wird aber mit guten alten Flohmarkt-Synthesizern und fluffigen Gummikeyboards vorexerziert, die mit der nötigen Dosis "Tief in der Sahara auf einem Dromedara"-Pentatonik bei "Shanghai Mazes" keinen Genierer haben, während es bei Stücken wie "Adriana", "Anna Is Free" oder "With My Naked Eyes" zart erasuret, annielennoxt und thehumanleaguet.

Die außer im Gewerbe des Profi-Footballs eigentlich verbotenen Schulterpolster sind gigantisch, Männer kommen als eisstanitzel-förmige Statisten vor, die Unruhe in Gefühlsangelegenheiten bringen, Stichwort allerdings auch: das von Bono und U2 besungene Grundprobleme des weder ohne- noch miteinander Lebenkönnens. In Bild und Ton übersetzt wird das mit einem orgiastischen Wimmelbild aus nackten Körpern auf dem Albumcover und sehnsüchtig sich verzehrenden Gruppengesängen aus Ankathie Kois gewinnender Stimme selbst - sowie mit einem Breakup-Walzer im Finale, der trotzdem zum Engtanz taugt.