Der als zweite Single vorausgekoppelte Song "The River" wartet überraschenderweise mit eineinhalb Beinahe-Überraschungen auf. Das hat - selbstverständlich - keine musikalischen Gründe. Wo Liam Gallagher draufsteht, ist getreu einer Nummer seines 2014 zugunsten der Solokarriere aufgelösten Oasis-Nachfolgeprojekts Beady Eye mit dem Titel "Beatles And Stones" Liam Gallagher drin - also vor allem das, was ihn geprägt hat.

Neben so ziemlich allen Bestandteilen aus dem Lennon-McCartney-Songbaukasten unter besonderer Berücksichtigung des Erstgenannten benötigt das Album dann etwa auch nur knapp sechs Sekunden, bis eine unter Strom gesetzte Mundharmonika durch ein unter Strom stehendes Gitarrenriff schneidet, wie man das in den Fußballstadien dieser Welt heute vor allem noch von Mick Jagger kennt.

Die erwähnte überraschende Komponente ist nach dem bereits erstaunlich versöhnlich und altersmilde gestimmten und sanfte esoterische Zwischentöne in Hippiesitzkreismanier aufweisenden späten Solodebüt "As You Were" von 2017 wieder inhaltlicher Natur. Immerhin zeigt sich der 46-Jährige bei "The River" im Sinne des Generationenvertrags nicht nur erstaunlich empathisch mit den jungen Leuten von heute. Er richtet ihnen bei dieser Gelegenheit auch gleich noch aus, dass sie für ihren Kampf gegen das System und die Umstände da draußen den Joint und das Smartphone schon einmal beiseitelegen sollten, obwohl er dem Substanz-Abusus freilich selbst zugetan ist und man ihn gelegentlich dabei beobachten kann, wie er einen gewaltigen Topfen in sein Twitter hineinschreibt - anstatt etwa aufrührerisch-revolutionsbefördernde Kampfliteratur zu studieren oder etwas anzuzünden.

Nicht dass der Song politisch konkreter würde als im Fall einer verbalen Watsche für das politische System in Gestalt von sogenannten "money-suckin’ MPs" in Brexitannien. Die Hoffnung auf eine Jugend, die nicht ganz so bescheuert ist wie die seinerzeitige seine, dürfte den Fahrtwind der "Fridays for Future"-Bewegung allerdings doch aufgenommen haben. Auch wenn die Protestszenarien im Video zur "Shockwave"-Single inklusive Monsterkoteletten, Schlaghosen und Peace-Emblem eher auf Straßenkampfnostalgie im 60er-Jahre-Look setzen.

Simplizistisch

"Why Me? Why Not."-Albumcover.
"Why Me? Why Not."-Albumcover.

Liam Gallagher hat das Album wieder mit einem Schreib- und Produzententeam um Greg Kurstin (Paul McCartney, Adele!) und Andrew Wyatt (Lady Gaga, Bruno Mars) aufgenommen, die bereits seinem Solodebüt zum Erfolg verhalfen. "As You Were" übertraf das Projekt Beady Eye zum einen kommerziell deutlich, zum anderen beinhaltete es einige der memorableren Songs seit der Auflösung von Oasis, deren Haupt-Songwriter bekanntlich Liams mit ihm nach wie vor schwer verfeindeter Bruder Noel war.

"Why Me? Why Not." (Warner) fällt zwischen simplizistischen Stromrockstampfern, Tom-und-Jerry-Klavier-Boogie-Rock und dezenter 60er-Jahre-Psychedelik mit manifestem Beatles-Einschlag etwas bescheidener aus, geht aber so weit okay. Um Nuancen erweitert wird das Spektrum diesmal im sanft softrockenden "Alright Now", das im Mittelpunkt eines überhaupt recht handzahmen und vor allem trostspendenden Songblocks steht. Und bei "Gone" als Schlussgesang wird alles Liam-Gallagher-Sein nach dem Glockenschlag vom Kirchturm herüber in einem Spaghetti-Western-Setting auf Sand gesetzt.

Im Teil mit dem Trost und dem Rat und der Lebensbetrachtung gießt Liam Gallagher auch die aphoristische Betrachtung, nach der alles im Leben nur geborgt ist, noch einmal auf. Er muss es wissen, so sehr wie alles hier an John Lennon erinnert. Das Album heißt übrigens nicht aus selbstreferenziellen Gründen "Why Me? Why Not.", sondern setzt sich aus den Titeln zweier Zeichnungen Lennons zusammen, die Liam Gallagher sein Eigentum und somit Teil seiner Altersvorsorge nennt.

Dass, zu herbstlichen Streicherschlieren und Gospelchor, der Song "One Of Us" ein zerrissenes mögliches Angebot an Bruder Noel darstellt, es musikalisch doch noch einmal miteinander zu versuchen, darf unverbesserlichen Oasis-Nostalgikern ein Hoffnungsschimmer sein. Der Beziehungsstatus und die Reunionswahrscheinlichkeit sind mit "Definitely maybe" aber schon maximal zuversichtlich definiert.