Eigentlich war es ein ganz normaler Mittwochmorgen im Oktober. Doch bevor Aljona Sawranenko ihre Tasche packte und zur Arbeit eilte, lud sie noch ihr neues Musikvideo im Netz hoch. Tagsüber, beim Dienst im Kindergarten, war der Handyempfang ohnehin immer so schlecht, dass es sich gar nicht lohnte, ihre Nachrichten zu checken. Nach Feierabend staunte sie nicht schlecht, wie die Zahlen auf YouTube nach oben schnellten: 70.000, 100.000, 130.000 Klicks. "Am nächsten Tag stand dann ein Fernsehteam vor dem Kindergarten", erinnert sie sich. "Das war für mich erst mal ein Schock."

Bombe. Wucht. Gustostück

Sie ist die ukrainische Musik-Sensation dieses Jahres: Vor einem Jahr arbeitete Aljona Sawranenko noch als Kindergärtnerin in einem 500-Seelen-Dorf, eine gute Autostunde von Kiew entfernt, heute spielt Alyona Alyona in der Ukraine vor ausverkauften Hallen. So wie im "Grünen Theater", eine Freiluftlocation, eine Metrostation vom Kiewer Unabhängigkeitsplatz, dem Maidan, entfernt. Ihre dunklen Haare zu einem Haarknoten gebunden, bekleidet mit einem bodenlangen, schwarzen Boxermantel, schleudert sie die Lyrics in den schwülen Kiewer Abendhimmel: "Ich bin eine puschka, puschka, puschka!" Eine Bombe. Eine Wucht. Ein Gustostück. Hinter ihr wummert der Beat aus den Boxen, vor ihr wogt die Menge im Takt auf und ab. Die "New York Times" zählte Alyona Alyona zuletzt zu den "15 europäischen Pop-Acts, die Sie kennen sollten".

Top-Act beim Waves-Festival: Singer-Songwriterin Iris Gold. - © Fry
Top-Act beim Waves-Festival: Singer-Songwriterin Iris Gold. - © Fry

Der Erfolg kam für die 28-Jährige überraschend. An einem Sommermorgen sitzt sie im Gastgarten eines Kiewer Innenstadtlokals, pinke Bauchtasche und knallblaue Fingernägel, und zieht Limonade aus einem Strohhalm. Es ist neun Uhr Früh, ihr Terminkalender ist voll. Proben, Interviews, Termine. Sie lacht gerne und viel und bietet sofort das Du-Wort an. Immer wieder halten Passanten an, um nach einem Selfie zu fragen. "Dawaj", na klar, sagt Sawranenko jedes Mal mit einer Geste, als wäre das ohnehin zur freien Entnahme.

Mit dem Musikvideo "Rybky" (zu Deutsch: Fischchen), das vor knapp einem Jahr viral ging, traf Alyona Alyona einen Nerv der Zeit. Die Plus-Size-Rapperin im Badeanzug, wie sie auf dem Jet-Ski über das Wasser flitzt, auf gängige Schönheitsideale pfeift von den "Fischchen unter dem Schutzglas" rappt - eine Anspielung auf junge Frauen, die nicht in das strenge Korsett der ukrainischen Gesellschaft passen wollen.

Bald hing Sawranenko, studierte Psychologin und Pädagogin, ihren Job an den Nagel, um sich nur noch der Musik zu widmen. "Erzieherin und Rapperin - das passte irgendwie nicht mehr zusammen", sagt sie. Zu Jahresbeginn nahm sie ihr Album "Puschka" auf, ihre Musikvideos werden mittlerweile millionenfach geklickt.