James Carter ist so etwas wie ein Ein-Mann-Museum der Jazzgeschichte: Der Saxofonist aus Detroit versteht sich auf den fahrigen Tonfall des Bebop genauso wie auf die Kantilenen des Cool Jazz und jene glimmenden Klangfetzen, die John Coltrane einst seinem Horn entstieß. Es wäre dennoch Unrecht, ihn einen Konservativen zu nennen. Live erweist sich Carter als Garant der Klang-Eskalation, als Springteufel mit sprudelnden Kreischnoten und wüsten Überblaseffekten. Kurz: Er ist für Konzerte gut, neben denen ein Mondraketen-Start wie eine Knallerbse wirkt.

Diese Glut lodert weiter in ihm, wie die erste Aufnahme Carters seit acht Jahren beweist: ein Live-Mitschnitt vom Newport Jazz Festival 2018. Dabei überrascht der gewählte Rahmen: Die Nummern stammen allesamt von Django Reinhardt, dem Ahnherrn des europäischen Jazz. Sie haben ihr Gypsy-Jazz-Aroma hier aber weitgehend verloren: Eine Hammond-Orgel und ein Schlagzeug rollen einen schicken, souligen Retro-Sound aus. In diesem Klangbild zieht Carter eine Stunde lang alle Register seiner Kunst, am knarzigen Tenor- wie am schrillen So-pransaxofon: Überwältigung aus allen Rohren.