Der Erstkontakt mit neuer Musik von Nick Cave benötigt neben angemessenen Rahmenbedingungen (oder zumindest dem Klischee davon) vor allem auch große Worte, um die Erfahrungen zu beschreiben. Spirituelle Gefühle und auf jeden Fall "Transzendenz" kommen vor. Eventuell ist eine Flasche Rotwein im Spiel, vielleicht wird Liebe gemacht - oder man heult einsam und allein in die traurige Nacht hinein. Was so eine weihevolle Messe mit neuen Songs des australischen Trauerbarden im Regelfall hingegen nicht inkludiert, ist ein Testbild auf YouTube, neben dem ein Chatfenster im Sekundenbruchteiltakt hundertfach gleichlautende Nachrichten im "Hello from Romania!!"-Stil ausspuckt.

Als wandelnder Bühnenprediger im Dienst an der Liebe - im Wechselspiel mit dem Wissen um die Plagen der Welt - setzt Nick Cave bekanntlich auf die Gemeinde. Seit einem persönlichen Trauerfall, dem Tod seines Sohnes Arthur im Jahr 2015, hat sich diese Beziehung noch intensiviert. Der Meister kommet und suchet Trost unter den Seinen, den er den Jüngern seinerseits gibt. Und so wurde auch die Präsentation des erst am 8. November physisch erscheinenden neuen Albums "Ghosteen" von Nick Cave und seinen Bad Seeds - zusätzlich zu sogenannten "Listening Events" globaler Fangruppen draußen im echten Leben - in Form eines Streams auf der weltweit größten Videoplattform zumindest als digital-gemeinschaftlicher Kirchgang durchgeführt. In der Nacht auf Freitag hielten sich die transzendenten Gefühle aus den geschilderten Gründen aber in Grenzen. Ein Internet-Browser, in dem man sonst onlinebankt oder Hemden shoppt, drückt dann doch etwas auf die Atmosphäre.

Irgendwann verschwand zumindest das Testbild und eine Art weißer Rauch stieg auf. Nick Cave begann über den Herrgott zu singen, und außer mit Songtexten unterlegte Nebel- oder Wolkenfelder gab es im Weiteren wenig zu sehen. Die Nebelwolken passen zum Album aber insofern gut, als "Ghosteen" den auf die Spitze getriebenen Abschluss einer nun rückwirkend ausgerufenen Albumtrilogie darstellt, die bereits mit den Vorgängern "Push The Sky Away" (2013) und "Skeleton Tree" (2016) eines bedeutete: eine langsame leise Abkehr des Meisters vom linearen Songwriting zugunsten eines Mäanderns der Ideen. Das Doppelalbum "Ghosteen" kommt überhaupt als durchgängige Meditation und grundsätzlich friedlich gestimmter Gleitflug daher, in den nichts interveniert - außer die von YouTube ermöglichte Pinkelpause vor der zweiten Seite, die es im Internet aber sowieso nicht mehr gibt.

Stoßseufzer

Wir hören ein Spoken-und-Sung-Word-Stück auf Basis der Ambientschlieren aus dem Microkorg von Warren Ellis, der billig genug ist, dass wir ihn auch selbst daheim haben. Manchmal bildet ein abgedunkelter Loop die Grundierung, gelegentlich setzt sich Nick Cave ans Klavier, soundtrackhafte Streicher fallen ein und ein Chor aus trunkenen Seemännern fährt mit Stoßseufzern himmelwärts.

Womit sich Teile des angeführten Personalstabs um Schlagzeuger Thomas Wydler und Gitarrist George Vjestica die Studiozeit totgeschlagen haben, ist nicht bekannt. Schlagzeug und Gitarre sind auf den elf neuen Stücken jedenfalls kaum mehr zu hören. Über allem lenkt Nick Cave dafür mit begnadetem Stimmcharisma von der Tatsache ab, dass ihm ein bis eineinhalb Ideen pro Song heute reichen und die Stücke oft etwas ratlos ins Fade-out taumeln. Wir hören größtmögliche Präsenz bei maximaler Beiläufigkeit. Inhaltlich darf es neben (unterschwelliger) Trauerverarbeitung, einer Lawine an Bibelreferenzen und nicht zuletzt dem ausgestellten Glauben an das Gute und Schöne auch etwas banaler zugehen. Der als transzendiertes Mantra mit Spiritual- und Blueshintergrund in den Dschungel verlagerte Text zu "Leviathan" lautet: "I love my baby / and my baby loves me."

Ätherischer Grundton

"Ghosteen"-Albumcover.
"Ghosteen"-Albumcover.

Die Befürchtung, dass das Album so klingen könnte, wie sein Cover - eine an die Kunst von Jeff Koons gemahnende Fantasy-Darstellung des Garten Edens inklusive auch bibelferner Tiere, dafür aber ohne Porno - aussieht, ist zumindest teilweise begründet. Neben etwa dem Kirchenlied-Finale des "Spinning Song" oder dem generellen ätherischen Grundton kündet nicht zuletzt die akustische Übersetzung des zart von Moosduft überlagerten Morgentaus Islands davon, für die sich Nick Cave bei "Bright Horses" etwas von Sigur Rós abgeschaut hat.

Gegen Ende aber geht noch einmal das Licht aus. "I’m gonna buy me a house up in the hills / With a tear-shaped pool and a gun that kills." Nick Cave besingt den Verlust und den Tod - und stemmt sich händeringend dagegen. Seelenfriede gesucht. Ausgang unbekannt.