Terri Lyne Carrington findet, dass sich ihre Musik auch mit dem Mythos der Rassenintegration in den USA auseinander- setzen muss. - © Tracy Love
Terri Lyne Carrington findet, dass sich ihre Musik auch mit dem Mythos der Rassenintegration in den USA auseinander- setzen muss. - © Tracy Love

Sie sind das Herzstück jeder Band: Schlagzeuger. Und selbstverständlich Schlagzeugerinnen. Aber Schlagzeugerinnen sind auf Bühnen kaum anzutreffen. Nach wie vor greifen nur wenige Frauen nach den Sticks. Doch die 1965 in Medford, Massachusetts geborene Terri Lyne Carrington gilt heute als die bekannteste Jazz-Drummerin der Welt. Die 52-jährige ist nicht nur hinter den Trommeln an der Spitze der Jazzwelt vertreten, sondern auch als Komponistin, Arrangeurin, Produzentin und Dozentin. Sie spielte mit den Weltstars des Jazz, darunter Herbie Hancock, Wayne Shorter, Al Jarreau, Cassandra Wilson und Dianne Reeves. Für ihr Album "The Mosaic Project" beschäftigte sie ausschließlich Musikerinnen. Themen wie soziale Gerechtigkeit, Rassengleichheit und Genderfragen versucht sie immer wieder musikalisch umzusetzen. Die "Wiener Zeitung" traf die hellwache Drummerin, deren kraftvolles, funkbeeinflusstes Präzisionsspiel, von einer markanten Bassdrum lebt.

"Wiener Zeitung": Frau Carrington, warum haben Sie ausgerechnet Schlagzeug gewählt? Wie kam es dazu?

Terri Lynn Carrington: Letztendlich, weil mein Großvater Mat Carrington Schlagzeuger war. Er spielte mit Leuten wie Fats Waller und Duke Ellington. Mein Vater war freilich Tenorsaxophonist. So begann ich mit fünf Jahren mit dem Alto. Als ich dann mit sieben meine zwei vorderen Milchzähne verlor, konnte ich das nicht mehr spielen. Das Schlagzeug meines Großvaters aber stand im Keller. Eines Tages bat ich meinen Vater, es aufzubauen. Er hat eigentlich nichts erwartet. Als ich geboren wurde, wollte er tatsächlich, dass ein Sohn seine Musik fortsetzt. Bei einem Mädchen hat er wohl gedacht, das klappt nicht so gut. Doch als ich anfing, Saxophon zu spielen, hatte ich gleich ein Ohr für Musik. Ich begann Riffs zu spielen. Und nachdem ich dann zum Schlagzeug wechselte, konnte ich ziemlich sofort die Zeit halten.

Während Ihre Schulkameradinnen noch mit Puppen beschäftigt waren oder Hula-Hoop-Reifen schwangen, spielten Sie schon mit Dizzy Gillespie und Oscar Peterson. Wie war das?

Als Kind habe ich nicht groß über technische Aspekte oder sonstige Grundlagen des Musizierens nachgedacht, sondern einfach das getan, was mir Spaß machte. Schon damals soll ich immer gesagt haben: "Jazz macht mich glücklich." Außerdem war mir gar nicht bewusst, dass es für kleine Mädchen nicht selbstverständlich ist, Schlagzeug zu spielen.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Jazzlegende Dizzy Gillespie gemacht?

Als ich ungefähr elf Jahre alt war, saß ich bei ihm und er fragte, was ich spielen wollte, und ich sagte: "Straight, No Chaser", einen Jazzblues von Max Roach. Und er sagte: "Oh, oh, ich habe vergessen, wie das geht. Kannst du es für mich singen?" Und dann stellte er das Mikrofon vor mich. Da ich erst elf war, wollte er einfach wissen, ob ich es wirklich kannte. Also begann ich die Melodie zu singen und er sagte: "Okay, ich erinnere mich daran." Er wurde gern als Mr. Gillespie angesprochen, daher habe ich immer darauf geachtet, dass alle das auch getan haben. Eine weitere Anekdote mit ihm war, als er in Boston spielte und im Schneesturm zum Bahnhof fuhr, weil die Flughäfen geschlossen waren. Er wollte nach New York zurück. Und er hatte diese schönen Alligatorstiefel an, die ziemlich durch den Matsch gelitten hatten. Aber das war ihm egal. Er holte sich trotzdem in seinem Lieblings-Restaurant zwei große Portionen Fischsuppe, den ganzen Weg redete nur über diese Fischsuppe, als würde er es kaum erwarten können, nach Hause zu kommen und sie zu essen. Ich setzte ihn am Eingang ab und er rannte los, um seinen Zug nicht verpassen. Und dann kam ich nach Hause und stellte fest, dass die Dose mit Fischsuppe immer noch auf dem Rücksitz stand. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, aber meine Leute zuhause freuten sich über das gute Essen.