Es beginnt mit einem immensen Streichergeschwurbel und einem Schlagzeug, das bald zum großen Tusch ansetzen wird. Inklusive einer sehr großen Portion Melodramatik und einer noch größeren Portion großer Gesten singt Angel Olsen heute mit eher an das Fach der großen schwedischen Düster-Organistin Anna von Hausswolff gemahnender Schmetterstimme über große Themen, die gerne auch große Probleme bedeuten. Gleich zum Auftakt in Form des knapp sechseinhalbminütigen Songs "Lark" etwa heißt es: "What about the heart? Trouble from the start."

Die Songwriterin erwischt uns damit und etwa auch beim gleich im Anschluss gereichten großen Titelstück ihres nun vorliegenden neuen Albums "All Mirrors" (Jagjaguwar) gewissermaßen auf dem falschen Fuß. Kennenlernen durfte man die 1987 in St. Louis im Bundesstaat Missouri im Mittleren Westen der USA geborene Sängerin und Multiinstrumentalistin schließlich als zur Kassettenveröffentlichung neigende Lo-Fi-Minimalistin aus dem Umfeld des genialen Eigenbrötlers Will Oldham alias Bonnie "Prince" Billy.

Dynamisches Wechselspiel

"All Mirrors"-Albumcover.
"All Mirrors"-Albumcover.

Auch wenn die vorsichtige Pop-Annäherung und ein Griff zur Grunge-Gitarre auf ihrem Durchbruchswerk, dem im Grenzbereich zwischen akutem Herzbruch und weiblicher Standortbestimmung angelegten "My Woman" von 2016, bereits Andeutungen zum Auf- und Umbruch sowie zur Öffnung, Erweiterung und Forcierung ausgelegt hatte, darf die geballte Wucht ihres mittlerweile vierten Streichs trotzdem überraschen. "Wucht" bedeutet übrigens nicht: durchgehendes Erregungslevel im roten Bereich oder maximale Lautstärke. Angel Olsen schafft es auch und gerade im dynamischen Wechselspiel mit zartesten Beserlwischern im Pianissimo samt "Sehnsucht, zitternd"-Stimme und Blue Notes im an die Hotelbar erinnernden Stile Chet Bakers, intensiv auf die Hörerschaft einzuwirken.

Zum Thema Pop ist zu sagen, dass Angel Olsen heuer auch bereits im Cast von Mark Ronsons Scheidungsalbum "Late Night Feelings" auftauchte, wo sie musikalisch nahe an "Radio Gaga" von Queen ein nun auch für "All Mirrors" gültiges Setting skizzierte: "Fucking around, I’m falling in love / Saying goodbye / ’Cause you’re giving it up." Es geht also immer um die schlimmstmöglichen Herzprobleme im nicht kardiologischen Sinn - und laut Angel Olsen auch darum, sich seine eigenen dunklen Seiten einzugestehen.

Engtanz & Erkenntnis

Das Titelstück, nicht von ungefähr als erste Single des Albums ausgekoppelt, ist großer Pop, der schlau genug ist, seine zart angezuckerte Grundierung samt einmal 80er-Jahre-Nachhall extra zu kontrastieren: Eine für das Album zentrale 12-köpfige Streicherabordnung bringt hier und anderswo die gewisse Dosis Hitchcock-Feeling mit ein. Nicht zuletzt in der musikalisch sinnbildlich übersetzten "Hängepartie" oder "Sackgasse" von "Impasse" steht zwischendurch also auch ein dräuendes, Unheil verkündendes Gefühl aus dem Innersten der schwarzen Nacht auf dem Programm; das aber eingebettet in das erwähnte Wechselspiel, das auch den zart japanophilen Vibe hinter Songs wie "Too Easy" oder der großen Sperrstundenballade "Spring" inkludiert.

Ganz am Ende wiederum meint man, sich in einer Country-Kaschemme zu befinden, in der das Licht abgedreht wird - stattdessen aber geht der Vorhang auf, und man steht in einem üppig ausstaffierten Ballroom unter strahlenden Lustern. Versunken im Walzertakt endet das Album zweifelhaft hoffnungsfroh: "All that space in between where we stand / Could be our chance" - über das Großthema "Engtanz & Erkenntnis" dann ein andermal mehr.