David "The Hoff" Hasselhoff, hier beim Tourauftakt in Hannover. - © APA/dpa/Sina Schuldt
David "The Hoff" Hasselhoff, hier beim Tourauftakt in Hannover. - © APA/dpa/Sina Schuldt

Auf der Liste der möglichen Extremereignisse im Leben eines Menschen ist - neben dem Überleben eines Flugzeugcrashs über dem Atlantik oder einem "Merkur Mini"-Ausflug zum Westbahnhof am Sonntag - so ein Konzert von David Hasselhoff ganz vorne mit dabei. Wenn man sich nahtodmäßig erst einmal erholen konnte, weil einem so ein Spitzbub aus dem heute als "Die Rettungsschwimmer von Malibu" angereisten David-Hasselhoff-Anbetungsverein "Night Rocker" seine Rettungsboje in die Rippen gerammt hat, besteht aber vielleicht doch noch Hoffnung.

Zuvor ist die Kurzzusammenfassung des Lebens bereits vor dem geistigen Auge vorbeigezogen und am Horizont weißes Licht aufgetaucht, das sich jetzt doch nicht als Signal aus dem Jenseits herausstellt - sondern als Beleuchtungskörper über der Bühne. Passend zu dieser Wiedergeburt nach einem Sekundenschlaf singt David Hasselhoff in der vielleicht zu einem Drittel gefüllten Wiener Stadthalle mit "Everybody Sunshine" gerade so etwas wie sein "Fang das Licht". An einem Tag voll Sonnenschein frohgemut und zuversichtlich sein - irgendjemand muss den Job ja übernehmen, jetzt da Karel Gott nicht mehr ist.

"A-Ugatschaka-Uga"

Apropos Gott, der Sinn des Lebens, metaphysisch sinnstiftender Serienkonsum und philosophische Lebensbetrachtung: David Hasselhoff wird uns an diesem Donnerstag in mehr als zweieinhalb Konzertstunden inklusive Pause durchaus eine Botschaft auf den Weg in die schwarze Nacht mitgeben, in der er uns heute nicht mehr im Auftrag der Foundation für Recht und Verfassung beschützen kann, weil er als Ex-Ordnungshüter mit 67 Jahren die Pensi genießt - außer es steht ein selbstironischer Cameo auf der Showbühne an, der K.I.T.T, das Auto, das Kumpel hieß, inkludiert, und David "The Hoff" Hasselhoff als Michael Knight mit perlweißem Einedrahra-Lächeln und hautenger Hose.

Die philosophische Botschaft lautet übrigens, dass man sich nichts scheißen soll - weil es eh schon egal ist. Während David Hasselhoff erklärt, warum man ihn einst nur synchronisiert ("Knight Rider") oder Vollplayback (irgendeine Sendung mit Peter Rapp) hören durfte, erlebt man also nicht nur die überraschende Annäherung des Entertainers an das Post-Punk- und Shoegazing-Milieu mit würdelosen Coverversionen von Bands wie Modern English oder The Jesus And Mary Chain (!).

Man lernt auch, dass man nicht gerne die Tochter von David Hasselhoff wäre, weil David Hasselhoff uns heute erzählt, wo und wann die Tochter gezeugt wurde, wenn er nicht gerade erklärt, wie er es sich einst wegen "Hooked On A Feeling" mit der Musikindustrie verscherzt hat, weil sein "A-Ugatschaka-Uga"-Chor schon in Zeiten vor Erfindung der politischen Korrektheit definitiv gar nicht ging. Die Tochter ist übrigens ein sehr netter Mensch, weil sie ihrem Alten gezeigt hat, dass das dazugehörige Musikvideo die Nummer eins vom Internet ist und sich damit durchaus etwas anfangen lässt - sofern man zuvor LSD einwirft.

Nachdem David Hasselhoff im ersten Teil die Plaudertasche gegeben hat, steht er nach der Pause als fleischgewordenes Nachmittagsprogramm von Radio Burgenland auf der Bühne, das zugunsten der Spotify-Playlist "Trash up your life" gelegentlich auf Rauchpause geht: "Sweet Caroline" von Neil Diamond oder "Take Me Home, Country Roads" von John Denver sorgen für richtig gute Stimmung.

Bierzeltwalzer

Allerdings begeht The Hoff das Sakrileg, sich ausgerechnet in der Wiener Stadthalle an "Mit 66 Jahren" von Udo Jürgens zu vergehen - und dabei keinen Bademantel zu tragen. "Wir zwei allein" unter Einbeziehung der gachblonden Backgroundsängerin erinnert eher an den Beginn eines Erwachsenenfilms. Dafür hat man zu diesem Zeitpunkt schon die meisten der musikalischen Nahtoderfahrungen um den Bierzeltwalzer "After Manana Mi Ciello" überstanden, bei dem sich wirklich die Frage stellt, wo die Foundation für Recht und Verfassung ist, wenn man sie einmal braucht.

Erstaunlicherweise war "Heroes" von David Bowie okay, bevor mit "Crazy For You" und "Do The Limbo Dance" der vorprogrammierte Freakout begann. "Looking For Freedom" gab es zum Abschluss gleich zweimal. Auf der Videowall stürzte hinter David Hasselhoff die Berliner Mauer ein. Erwachsene haben geweint. Wir aber waren wieder fünf Jahre alt. Leider gab es in der Wiener Stadthalle keinen Kakao.