Es war eine kuriose Kombination, die das deutsche Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" in seiner Ausgabe vom 12. Oktober 1970 in der Rubrik "Nachrufe" brachte. Im unteren Bereich der Spalte schien Jean Giono auf, beschrieben als "bukolischer Provence-Poet, der seine südfranzösische Heimat mit bittersüßen Romanen und Erzählungen voller Hirtenflöten-Lyrik" porträtierte. Und darüber eine junge Frau, im Alter von 27 Jahren am 4. Oktober allein in einem Hotelzimmer in Los Angeles verstorben: "Die wildeste, ordinärste, ausdruckvollste Sängerin der Pop-Szene". Der Name der Künstlerin aus, wie die soignierten Hamburger anmerkten, gutbürgerlichem Haus: Janis Joplin. Die eine "Spiegel"-Einschätzung war so falsch wie die andere. Joplins Leidenschaft bis zum Exzess und Hingabe an die Musik bis zum entäußernden Zusammenbruch wurde schlicht mit Vulgarität verwechselt.

Wieso jetzt eine neue Biografie über Joplin? Gibt es neue, bisher unbekannte Erkenntnisse, Dokumente, Einsichten? Es gibt ja vieles über sie, gedruckt und gefilmt. Rechtfertigt ein neues Buch, dass das meiste davon aktuell nicht im Buchhandel lieferbar ist? Holly George-Warren hat viele Bücher geschrieben, über Gene Autry oder The Grateful Dead, und sie hat auch die ersten 25 Jahre der Rock ’n’ Roll Hall of Fame erzählt.

Nun also Janis Joplin. Deren Lebensdaten sind bekannt. 1943 in Port Arthur, Texas, geboren und in dieser von Ölraffinerien dominierten Stadt aufgewachsen. Früh Fremdheitsgefühle im nicht recht femininen Körper. High School. Renitenz. College. Erste wilde Partys und Ausbrüche. Die Entdeckung, dass sie, begeistert vom Blues, singen kann, leidenschaftlich, intensiv. Erste Auftritte. Zwei Anläufe, im San Francisco der Hippies Fuß zu fassen, scheitern. Jede Menge Beziehungskatastrophen und noch mehr erotische Promiskuität. Weitere Auftritte.

1966 Rückkehr aus Texas nach San Francisco. Das Viertel Haight-Ashbury, abgewohnt, billig, verdrogt, war inzwischen das Epizentrum der Gegenkultur. Janis’ "Entdeckung" und Durchbruch. Sie formt mit Freunden die Band Big Brother and the Holding Company. Mit jedem bejubelten Auftritt nimmt ihr chronisch schwaches Selbstvertrauen zu. Bald ist die Band einer der heißesten Acts der Westküste. Joplins akustisch-sinnliche Leidenschaft schlug Funken und sprang über. Sie brauchte nicht lange, um eine charismatische, gefühlsstarke Bühnenkünstlerin zu werden. Ihre Darbietung war vulkanisch, ihre Stimme auch. Sie gab sich schrankenlos der Musik hin.