Wien. Debbie Harry gab sich als Frontfrau von Blondie bewusst sexy, ist dabei aber feministische Kulturikone geblieben. "Selbst als Pin-Up war ich Punk", sagt die 74-Jährige in ihrer neuen Biografie "Face It". Die Sängerin und Schauspielerin führt mit ihren Memoiren ins ebenso schmuddelig-gefährliche wie kreative New York der 70er- und 80er-Jahre, sinniert aber auch über Daumen. Das hat schon was.

Angst ist ein ständiger Wegbegleiter der am 1. Juni 1945 in Miami als Angela Tremble geborenen Amerikanerin. Harry führt dies darauf zurück, dass sie im Alter von drei Monaten von ihren leiblichen Eltern zur Adoption freigegeben wurde. Aus der kleinen Angela wurde Deborah Ann, die in ihrer neuen Familie viel Liebe empfing. Als Kind träumte sie davon, "ein Star zu sein". In New York sollte sie tatsächlich einer werden. Der lange Weg zum Ruhm führte über einen Job als "Playboy-Bunny" und erste "Gehversuche" in einer Band zu Chris Stein, ihrem kongenialen Partner im Leben und bei Blondie.

"Meine Rolle war die einer extrem femininen Frontfrau einer männlichen Rockband in einem klaren Macho-Umfeld", umschreibt Harry ihre Position bei Blondie. Bevor Hits wie "Denis" und "Heart Of Glass" den Durchbruch brachten, trat man regelmäßig für Bier als Gage im legendären Club CBGB auf und lebte in gefährlichen Gegenden eines noch nicht gentrifizierten New York. Einmal entkam man knapp einer Kohlenmonoxidvergiftung, ein anderes Mal wurde der Chef einer Motorradgang in einer Nachbarwohnung an einen Sessel gebunden, gefoltert und angezündet. Auch den schrecklichen Moment einer Vergewaltigung durch einen Räuber verschweigt Harry nicht.

Anekdoten über Freigeister

Die Drogensucht der Künstlerin streift "Face It" in wenigen über das Buch verteilten Kapiteln, auch über die Streitigkeiten der reformierten Blondie mit ihren früheren Mitgliedern verliert Harry nicht besonders viele Worte. Dafür bekommt der Leser Anekdoten um David Bowie, Iggy Pop, Divine, Andy Warhol, David Cronenberg, Jean-Michel Basquiat und andere Freigeister. Einige pikante Episoden (Sex mit Harry Dean Stanton) und das Bekenntnis zur plastischen Chirurgie ("nichts anderes als eine Grippeimpfung, nur eine andere Art, für sein Wohlergehen zu sorgen") mögen der Sensationsneugier geschuldet sein. Natürlich gibt es bei Blondie, wie bei so vielen Stars jener Zeit, über Kämpfe mit Plattenfirmen und finanzielle Desaster auf Kosten windiger Manager zu berichten.

Debbie Harry bewahrt in der Autobiografie, die sie in einer Reihe von Interviews der Rockjournalistin Sylvie Simmons offenlegte, ihre coole, souveräne Sprache. Ihre Gefühle nach 9/11 bringt sie in einem Gedicht zum Ausdruck, im letzten Kapitel beschäftigt sich Harry mit Daumen, weil sie ihre "etwas missmutigen Memoiren auf einer heiteren Note enden" lassen will. Originell ist auch der Ansatz, über drei Strecken Fan-Zeichnungen ins optisch schön aufgemachte, in einen schweren Einband gefasste Buch zu nehmen. Und in einem Lebensrückblick über Sexismus, die Bedeutung von stilistischer Vielfalt, die Faszination an der Funktion eines Heizungssystems, Steuerprobleme, als auch über die Wichtigkeit der Rettung der Bienen zu schreiben, das schafft wohl nur die ewige Punkerin. (apa)