Ein neues Album zu veröffentlichen, auf der begleitenden Konzertreise aber keinen einzigen Song daraus zu spielen, ist natürlich auch eine Ansage. Darüber, was sie bedeuten soll, müsste man jetzt nachdenken. Wahrscheinlich, dass die Band, die auf der Bühne steht, ihrem tendenziell rätselhaften Image zuarbeiten will, während auf der Videowall antike Büsten in nach alten Computerspielen aussehende Settings verpflanzt werden oder die inszeniert beteiligungslosen Kulleraugen der Sängerin hinter Trockeneisnebel und Vintage-Equipment im Close-up zu sehen sind.

Interessant auch, dass es trotzdem aktuelleres Material zu hören gibt, das allerdings einem bereits vor fünf Jahren angekündigten anderen neuen Album zugerechnet wird, das dann doch (noch) nicht veröffentlicht wurde, weil der Legende zufolge ein bandinternes Nahtoderlebnis dazwischenkam. Man merkt es schon: Womöglich ist die US-Band Chromatics im Jahr 2017 nicht von ungefähr in David Lynchs Twin-Peaks-Wiedergang aufgetreten. Nicht nur Eulen sind übrigens nicht, was sie scheinen. Nichts ist so, wie es scheint.

Mascara-Wangen

Apropos Scheinen: Musikalisch demonstriert das Quartett aus Portland in der Wiener Arena, die nicht ausverkauft ist, obwohl sie sich mehr als ausverkauft anfühlt, am Montagabend von Beginn an, dass ihr Werk definitiv nicht dort wurzelt, wo man der Sonne begegnet. Das ist zwar insofern falsch, als wir es bei den Chromatics mit einer Art Los-Angeles-Band zu tun haben; es hat aber doch seine Richtigkeit, weil ihre Songs erst mit dem Einfall der Dunkelheit beginnen, sich in am ehesten noch von Kerzen und Discokugeln beleuchteten Räumen unter Zugabe von Mixgetränken in der amerikanischen Nacht abspielen und spätestens enden, wenn das kalte, ernüchternde Morgengrauen anbricht.

Davor sind die Lichter der Großstadt durch das Taxifenster verschwommen. Autoscheinwerfer kommen wegen des alten Topos vom Davonbrausen vor (Chromatics-Musik kann man bekanntlich auch in Nicolas Winding Refns Film "Drive" mit Ryan Gosling und Carey Mulligan hören). Nicht von ungefähr gibt es mit "I’m On Fire" im Zugabenteil noch eine Coverversion zu Ehren Bruce Springsteens. Stilettos wurden abgestreift. Mascara lief todtraurig über Wangen. Der Tag ist feindlich, morgen aber wenigstens zur Weltflucht im Bett zu gebrauchen.

"Night Drive" in Erdberg

Sängerin Ruth Radelet übersetzt diese Grundgestimmtheit mit ihrem Stimme gewordenen Schlafzimmerblick in Li(e)der der Nacht. Des Öfteren wird es im Sinne des sinnlich sich Verzehrens hinter Songtiteln wie "Kill For Love" durchaus tanzbar. Zwischen gut abgebremsten Beats aus der Italo Disco, pluckernden Synthesizer-Arpeggios, Pizzicatogitarren und den bittersüßen, im Wesentlichen aus den Zweifingermelodien von Johnny Jewel bestehenden Hooks allerdings bedeutet Tanzen oft auch Traurigkeit. "When I look at the sky / Well I wish I was gone / Because mother you’re gone / And father you’re gone / Lover you’re gone" - so heißt es, wenn man sich zu den Chromatics vom Leben erschöpft über den Dancefloor schleppt.

Große Dramen spielen sich ab, sie werden nur in meist distanzierter Form und ohne Übersteuerung im Mitteleinsatz erzählt. Das traf in der Arena auf große Gegenliebe. Nach dem bettschweren Finale um die Neil-Young-Aneignung "Into The Black", "Shadow" oder "Running Up That Hill" von Kate Bush fiel der "Night Drive" im Anschluss ernüchternd aus. Ryan Gosling fährt nicht U3. Und anstelle des Mulholland Drive verschwamm durch das Fenster lediglich Erdberg.